Nach einem massiven russischen Angriff auf die ukrainische Energieinfrastruktur sind Menschen ohne Strom. Das erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch, den 14. Oktober, in einem Beitrag auf Facebook, aus dem die Nachrichtenagentur Ukrinform zitiert. „Щонайменше 600 тис. людей зараз, на жаль, без електрики. Можуть бути й більші відключення“, schrieb Selenskyj demnach. Betroffen seien Kyjiw, die Region Kyjiw und Charkiw.
Der Präsident sprach von 39 ballistischen Raketen und mehr als 120 Kampfdrohnen sowie Loitering-Munition, die in der Nacht gegen Energie- und kritische Infrastruktur eingesetzt worden seien. Nach seinen Angaben wurden 26 Elemente des Stromkomplexes sowie vier Anlagen des Öl- und Gaskomplexes beschädigt. „На жаль, є жертви і поранені“, so Selenskyj weiter. Ukrinform meldete unter Berufung auf die Behörden, dass in Kyjiw bei dem kombinierten Angriff vier Menschen getötet und 27 verletzt wurden.
Der Angriff fiel in eine Phase, in der US-Präsident Donald Trump am 11. Oktober ohne Vorwarnung ein „energetisches Waffenruhe“-Abkommen zwischen der Ukraine und Russland ausgerufen hatte. Selenskyj nannte den russischen Schlag gegen die Energieanlagen in seinem Facebook-Beitrag gezielt und demonstrativ: „Удар абсолютно свідомий і показовий масштабністю – такої демонстративної неповаги Росії до Америки ще не було.“ Russland halte die Aussagen des amerikanischen Präsidenten nicht für stark. Die Ukraine wirft Russland vor, die Vereinbarung zu verletzen; nach Angaben aus Kyjiw hatte die Ukraine zwei Tage lang nicht auf russische Energieanlagen geschlagen.
Selenskyj forderte die USA und alle Staaten, „хто не заплющує очі на реальність“, zu einer harten Reaktion auf. Er bat Trump, starke Sanktionen gegen Russland zu verhängen, und verwies auf den kürzlich verabschiedeten und unterzeichneten Gesetzentwurf von Senator Lindsey Graham, der dies ermögliche und regele. Zudem bat er um zusätzliche Pakete von Abwehrraketen für „Patriot“-Systeme.
Starlink-Einschränkung trifft Drohneneinsätze
Unabhängig von dem Angriff meldete die BBC am Mittwoch, dass der US-Satellitenanbieter SpaceX den Zugang ukrainischer Militärs zu Starlarlink eingeschränkt habe. Der Berater des Präsidenten, Serhij Beskrestnow, bekannt als „Flash“, bestätigte der BBC, dass SpaceX in der Nacht die Geschwindigkeit der Starlink-Terminals während der Bewegung begrenzt habe. Die Beschränkung betreffe das „Militärpaket“ StarShield und setze die Grenze bei 100 Meilen pro Stunde an. Die Verteidigungskräfte seien nicht vorab informiert worden, was zum Abbruch mehrerer Missionen geführt habe, so Beskrestnow.
Der frühere Berater des Verteidigungsministers und Freiwillige Serhij Sternenko erklärte der BBC, bei einer Geschwindigkeit von mehr als 160 Kilometern pro Stunde sei die Verbindung ausgefallen, weshalb mehrere wichtige Missionen abgesagt werden mussten. Auf solchen Geschwindigkeiten arbeiteten Drohnen, deren Einsätze auch gegen besetzte Gebiete dank dieser Verbindung möglich gewesen seien. Später ergänzte Sternenko, für die ukrainischen Betreiber sei die Grenze auf 60 bis 70 Kilometer pro Stunde verschärft worden, was den Einsatz von Terminals auf Drohnen und Fahrzeugen weiter einschränke. Normale Satellitenterminals funktionierten derzeit noch. Sternenko vermutet, dass SpaceX auf Bitte der Trump-Administration gehandelt habe.
Die BBC erinnert daran, dass die USA bereits im Winter und Frühjahr 2025 den Austausch von Aufklärungsdaten eingeschränkt und Starlink abgeschaltet hatten. Trump bestreitet, dass der Datenaustausch unterbrochen wurde. Westliche Medien hatten berichtet, die USA könnten die Weitergabe von Aufklärungsdaten als Druckmittel aussetzen.
Was das für die Ukraine bedeutet
Die Kombination aus Angriffen auf die Energieinfrastruktur und der Einschränkung des Satellitenkommunikation trifft die Ukraine in einer kritischen Phase. Stromausfälle in Kyjiw, der Region Kyjiw und Charkiw betreffen bei Beginn der Heizsaison Hunderttausende Haushalte. Die von Selenskyj genannten Schäden an 26 Stromanlagen und vier Anlagen des Öl- und Gaskomplexes dürften Reparaturarbeiten und damit die Versorgungslage in den kommenden Tagen bestimmen. Die Einschränkung von Starlink wiederum erschwert nach Angaben ukrainischer Militärs und Freiwilliger den Einsatz von Drohnen, die für Aufklärung und Angriffe auf russische Stellungen und Logistik genutzt werden.
Ob die USA auf Selenskyjs Bitte um zusätzliche „Patriot“-Abfangraketen und schärfere Sanktionen reagieren, ist offen. Der ukrainische Präsident setzt öffentlich auf den Druck des Gesetzes von Lindsey Graham, das nach seinen Worten starke Sanktionen gegen Russland erlaubt. Inwieweit Washington davon Gebrauch macht, ließ die amerikanische Regierung bislang offen.



