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BASF und Evonik: Wer entscheidet über 10 Milliarden?

Drei Wochen nach BASFs Vorstoß ist offen, ob Evonik verkauft wird. Die Zahlen, die Politik und die Frage, was die RAG-Stiftung entscheidet.

BASF und Evonik: Wer entscheidet über 10 Milliarden?
Archivfoto: thomas / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Drei Wochen nach BASFs Vorstoß ist offen, ob Evonik verkauft wird. Die Zahlen, die Politik und die Frage, was die RAG-Stiftung entscheidet.

Seit drei Wochen steht fest, dass BASF nach Evonik greift – und seit drei Wochen ist fast nichts entschieden. Weder gibt es ein bestätigtes verbindliches Angebot noch eine Antwort der RAG-Stiftung, die mit rund 43,8 Prozent über Evoniks Zukunft bestimmt. Stand: 18. Oktober 2026. Was inzwischen bekannt ist, reicht trotzdem für eine Zwischenbilanz.

Am 25. September bestätigte BASF „exploratory talks“ mit der RAG-Stiftung und Evonik; „der Verlauf und der Ausgang dieser Sondierungsgespräche sind zum jetzigen Zeitpunkt offen“, hieß es in der Mitteilung des Konzerns. Evonik sprach nur von einer unverbindlichen Ansprache und davon, dass keine Gespräche liefen. Drei Tage später meldete Reuters unter Berufung auf Insider ein Angebot von rund 10,3 Milliarden Euro, 22,15 Euro je Aktie. Evonik habe es als zu niedrig abgelehnt. Eine offizielle Bestätigung der Summe gibt es bis heute nicht.

Warum BASF das will – und warum Skeptiker rechnen

Die Logik liegt auf der Hand: BASF (rund 60 Milliarden Euro Umsatz 2025, etwa 95.000 Beschäftigte) lebt von Grundchemie, die unter hohen Energiepreisen und chinesischer Konkurrenz leidet. Evonik (14,1 Milliarden Euro Umsatz, rund 31.000 Beschäftigte) verdient mit Additiven, Kieselsäuren und Hochleistungskunststoffen stabiler. Analysten halten laut Industriemagazin Einsparungen von 700 Millionen bis eine Milliarde Euro pro Jahr für denkbar.

Die Börsen-Zeitung nannte den Zeitpunkt dagegen „denkbar schlecht“. Evonik war vor den Gerüchten rund 8,4 Milliarden Euro wert, mit Schulden etwa 12 Milliarden. Mit einem üblichen Aufschlag von 30 bis 40 Prozent käme BASF auf gut 15 Milliarden Euro – der größte Zukauf der Firmengeschichte, bisher war es 2018 das Bayer-Saatgutgeschäft für rund 7,6 Milliarden. Zugleich verkauft BASF das Coatings-Geschäft an Carlyle und will die Agrarsparte bis Mitte 2027 an die Börse bringen. Dazu kommt ein Verdacht: Die derzeit guten Gewinne der Branche stützen sich zum Teil auf Engpässe infolge des Nahost-Kriegs – und die wären kein Dauerzustand. Nach unserer Einschätzung ist das das gewichtigste Argument gegen einen hohen Preis, auch wenn es sich erst im Rückblick prüfen lässt.

Wer hat das letzte Wort?

Formal die RAG-Stiftung. Sie finanziert aus ihrem Vermögen die Ewigkeitslasten des Steinkohlebergbaus – Grubenwasser, Grundwasser, Oberflächenwasser – und ist deshalb auf verlässliche Erträge angewiesen. Ihr Kuratorium, das der frühere NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) leitet und dem auch Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) angehört, beriet am 9. Oktober in einer außerordentlichen Sitzung und vertagte die Entscheidung offenbar. Reuters zufolge könnte BASF mehr bieten.

Politisch ist die Lage verwickelt. Die Landesregierung in Düsseldorf stellte sich am 14. Oktober im Landtag laut Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) gegen den Zusammenschluss, lehnt aber einen Einstieg des Landes ab; ein SPD-Antrag, genau das zu prüfen, scheiterte an den Stimmen von CDU, Grünen, FDP und AfD. Die IG BCE hatte am 7. Oktober in einem dreiseitigen Brief an die Betriebsräte „offene und kritische Fragen“ gestellt. Die Süddeutsche Zeitung überschreibt ihren Bericht vom 18. Oktober dagegen mit der Zeile, die Gewerkschaft sei für die Fusion und die Politik dagegen – den Artikel selbst konnten wir nicht vollständig einsehen, die Haltung der Gewerkschaft bleibt daher ein Punkt zum Nachprüfen.

Am empfindlichsten ist die Beschäftigungsfrage. Das Handelsblatt berichtete am 2. Oktober unter Berufung auf Arbeitnehmervertreter von 3.000 bis 4.000 möglichen Stellen im kombinierten Konzern, vor allem an Evonik-Standorten in Nordrhein-Westfalen, etwa im Chemiepark Marl. Davon zu trennen ist das laufende Evonik-Programm: weltweit 3.200 Stellen, 2.150 in Deutschland – unabhängig von BASF. Laut Reuters wäre BASF bereit, betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2032 auszuschließen; BASF hat das nicht kommentiert.

Drei mögliche Ausgänge

Erstens: BASF erhöht, die Stiftung verkauft ganz oder teilweise – dann folgt eine Fusionskontrolle und ein jahrelanger Umbau. Zweitens: Die Stiftung sagt Nein und behält ihre Anteile wegen der Dividenden; Evonik bliebe selbstständig, mit Kürzungsprogramm. Drittens: eine Zwischenlösung mit Teilverkauf oder Kooperation. Wir halten Variante zwei oder drei kurzfristig für wahrscheinlicher als einen schnellen Vollverkauf, weil die Stiftung keinen Zeitdruck hat und Evoniks Interimschef Claus Rettig – CEO Christian Kullmann fällt nach einer Operation aus – ein Angebot kaum ohne Aufschlag annehmen dürfte. Das ist eine Einschätzung, keine Gewissheit.

Für Beschäftigte in Marl, Essen oder Ludwigshafen heißt das: Eine Entscheidung steht aus, ein Stellenabbau durch die Übernahme ist bislang nicht beschlossen – belastbare Zahlen gibt es nur für das bestehende Evonik-Programm.

Quellen: BASF, Börsen-Zeitung, Industriemagazin, Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung

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