Russland hat seine Angriffe auf Kyjiw seit Juli 2026 deutlich verstärkt und nimmt dabei gezielt die Brücken über den Dnipro ins Visier. Nach Angaben der Ukrainska Prawda standen am 1. und 2. Oktober die Südbrücke unter Beschuss, an den beiden folgenden Tagen die Nordbrücke. Wie der Nachrichtensender n-tv am 3. Oktober berichtete, wurden mit der Südbrücke mehrfach die strategisch wichtigste Brücke der Hauptstadt angegriffen; über sie verkehrt die U-Bahn über den Fluss. Der Verkehrsplaner Dmytro Bespalow sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle, die Südbrücke sei kein Zufallsziel: Sie sei die zentrale Logistikachse für den Lkw-Verkehr. In der Hauptverkehrszeit passieren laut Verkehrsberechnungen stündlich bis zu 15.000 Menschen die Südbrücke mit der U-Bahn.
Was ein Ausfall für den Alltag bedeuten würde
Fällt auch nur eine der zentralen Überquerungen aus, droht nach Einschätzung von Fachleuten ein Verkehrskollaps. Mehr als ein Drittel der Kyjiwer wohnt laut n-tv auf der Ostseite des Flusses, die meisten Arbeitsplätze liegen westlich des Dnipro. Am 2. Oktober war laut Ukrainska Prawda nur die Darnyzja-Brücke vollständig in Betrieb, der Andrang war so groß, dass Menschen stundenlang im Stau standen – mit Auto, Taxi und öffentlichen Verkehrsmitteln. Auch die U-Bahn fuhr nicht. Bilder von Fußgängern auf den Brücken machten in den sozialen Medien die Runde.
Der Verkehrsplaner Bespalow betont, mehrere Treffer von Kamikaze-Drohnen reichten nicht aus, um eine Brücke zu zerstören: Die Bauwerke hätten große Festigkeitsreserven und seien gegen solche Einschläge geschützt. Der Militärexperte Oleksandr Kowalenko vom Ukrainischen Zentrum für Sicherheitsstudien sieht in den Angriffen dennoch eine neue Phase des Terrors. Wochen- und monatelange tägliche Attacken könnten eine Notlage herbeiführen, die die Sperrung der einen oder anderen Brücke erzwinge, sagte er der Deutschen Welle. Sein Ziel sei die vollständige Lähmung Kyjiws.
Ponpons, Tunnel, Netze – was realistisch ist
Der Minister für Wiederaufbau, Infrastruktur und Transport, Mykola Kalaschnyk, hatte laut Ukrinform angekündigt, ab der kommenden Woche mit dem Bau von Reserve-Pontonbrücken über den Dnipro zu beginnen. n-tv berichtet, die Bauarbeiten an mehreren Pontonbrücken und provisorischen Dämmen sollten kommende Woche starten und bis zu drei Monate dauern; sie sollen bis zur Hälfte der Kapazität der regulären Brücken tragen. Bespalow bezweifelt den Nutzen: Pontons und aufgeschüttete Dämme könnten zwar die Hälfte der Leistungsfähigkeit erreichen, dafür brauche es aber Dutzende von ihnen. Zudem sei die Strömung des Dnipro schnell, aufgeschüttetes Material werde weggespült – mit Risiken für Flussbett und Ufer. Auch der Betrieb unter ständigen Drohnenangriffen sei gefährlich.
Ein U-Bahn-Tunnel unter dem Fluss wird laut Ukrainska Prawda in der Regierung derzeit nicht geprüft: zu teuer, zu langsam. Die Strecke zwischen den Ufern beträgt bis zu 1,5 Kilometer, ein Bau könnte sich sieben bis zehn Jahre hinziehen. Als kurzfristiger Schutz werden laut n-tv Drohnenabwehrnetze über die bestehenden Brücken gespannt. Bespalow hält zusätzliche Metallkonstruktionen oder Netze auf den Brücken für riskant, weil die Bauwerke überlastet und in schlechtem Zustand seien und zusätzliches Gewicht zum Einsturz führen könne. Kowalenko sagt: „Man kann keine Kuppel über Brücken spannen. Das ist reine Fantasie.“ Beide Experten sehen die Lösung in einer verstärkten, gestaffelten Luftverteidigung.
Was die Stadt bereits tut
Die Kyjiwer Behörden haben laut Ukrainska Prawda am 3. Oktober zwölf Busse auf der neuen Linie 1-M eingesetzt, die entlang des oberirdischen Teils der roten U-Bahn-Linie verkehrt und den Dnipro quert. Bei Sperrung der Metro-Brücke fahren sie über die Podilsko-Woskressenska-Brücke. Die Organisation „Passagiere Kyjiws“ hat dem Verkehrsdezernat der Stadtverwaltung Vorschläge geschickt: mehr Busse, etwa durch Fahrer aus Straßenbahn- und Trolleybus-Depots, Vereinbarungen mit privaten Anbietern, Kontrollen der Busspuren durch die Patrouillenpolizei. Ein Einzelticket kostet derzeit 30 Hrywnja; der Mitgründer der Organisation, Oleksandr Hretschko, fordert, dass es als Umsteigeticket mit 45 Minuten Gültigkeit behandelt wird – der Mitgründer der Organisation, Oleksandr Hretschko, fordert, es als Umsteigeticket zu behandeln, damit Fahrgäste bei Luftalarm nicht mehrfach zahlen. Für den Fall gesperrter Brücken soll es einen Korridor für Rettungsdienste, Militär, Busse und Fußgänger geben.
Nach Einschätzung der Ukrainska Prawda bleibt die Lage angespannt: Die Angriffe auf die Brücken dürften den Alltag in Kyjiw weiter stören, solange die Luftverteidigung nicht gestärkt ist. Der ukrainische Experte Serhij „Flesh“ Beskrestnow erklärte laut Ukrinform, die russischen Angriffe auf die Brücken und die Flugabwehr könnten über versteckte Funkrelais im Stadtgebiet in Echtzeit korrigiert werden.



