Wie die Kyiv Post in einer Analyse berichtet, bleibt Präsident Wolodymyr Selenskyj in der ukrainischen Bevölkerung hoch angesehen. Seine Landsleute schätzen seinen Patriotismus, seinen Mut und sein diplomatisches Geschick. Doch dieselben Meinungsumfragen deuten darauf hin, dass der frühere Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj in einer direkten Stichwahl gegen Selenskyj heute gewinnen würde.
Historische Parallele zu Churchill
Beobachter ziehen oft einen Vergleich mit dem britischen Winston Churchill, der im Juli 1945 – unmittelbar nach Kriegsende – eine überraschende Wahlniederlage erlitt. Die Parallelen erscheinen auf den ersten Blick plausibel: Kriegshelden treffen viele wichtige Entscheidungen, von denen einige nicht geschätzt werden. Eine patriotische Nation schweigt jedoch, solange der Krieg dauert, weil sie sieht, dass ihr Führer hart arbeitet und alles in seiner Macht Stehende tut.
Nach dem Krieg jedoch wollen die Menschen Veränderung. Sie sprechen Probleme an, über die sie während des Krieges wenig gesagt haben, und erwarten von der Regierung, dass sie sich um viele vernachlässigte Fragen kümmert. In Großbritannien gewann 1945 die Labour-Partei die Parlamentswahlen mit großer Mehrheit und führte eine radikale linke Reformpolitik durch – mit umfangreichen Verstaatlichungen, Sozialreformen und der Entkolonialisierung.
Andere Zeiten, andere Agenda
Für die Ukraine sei ein solcher Kurs jedoch unwahrscheinlich, so die Kyiv Post. Die Welt habe sich zu sehr verändert, und die ukrainischen Anliegen seien ganz andere. Während des Zweiten Weltkriegs beherrschte der Staat die Wirtschaft: umfassende Preis- und Devisenkontrollen, Rationierung, Protektionismus und eine lockere Fiskalpolitik. Staatsaufträge prägten die Kriegswirtschaft. Nach dem Krieg waren Kommunisten in vielen Ländern stark und forderten aus ideologischen Gründen weitreichende Verstaatlichungen.
Heute jedoch glaubt kaum noch jemand an den Nutzen von Staatseigentum an großen Unternehmen, und niemand setzt auf eine lenkende Staatswirtschaft. Die umfangreichen Nachkriegsverstaatlichungen ließen sich trotz ihrer Schäden für Effizienz und Innovation nur schwer rückgängig machen – starke Bürokratien und Gewerkschaften schützten den Status quo. Erst Margaret Thatcher begann in den 1980er Jahren mit der Wende.
Die Ukraine brauche eine völlig andere politische Agenda als das Großbritannien von 1945, schlussfolgert die Analyse. Die Lehre aus Churchills Niederlage sei nicht die konkrete Politik, sondern das Muster: Ein Kriegsführer kann die Dankbarkeit der Nation verlieren, sobald der Frieden einkehrt – und die Menschen nach neuen Prioritäten verlangen.
Quelle: www.kyivpost.com



