Sa., 13 Juni 2026 Kyjiw 19:53Berlin 18:53London 17:53 UKR / DE / EN

Susanna Rowsons „Charlotte Temple“: Der erste Bestseller der USA

1794 erschien in den USA ein Roman, der das Land im Sturm eroberte: „Charlotte Temple“ von Susanna Rowson. Das Buch wurde zum ersten amerikanischen Bestseller und prägte eine ganze Literaturgattung.

Susanna Rowsons „Charlotte Temple“: Der erste Bestseller der USA
Bild: media0.faz.net

Die Geschichte einer jungen Frau, die verführt wird und daran zugrunde geht – das war der Stoff, der die amerikanischen Leser im späten 18. Jahrhundert in Massen begeisterte. Susanna Rowson veröffentlichte ihren Roman „Charlotte Temple“ 1794 in den USA, nachdem das Werk drei Jahre zuvor bereits in London erschienen war. Wie die F.A.Z. in ihrer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ berichtet, wurde das Buch zum ersten amerikanischen Bestseller und erlebte Hunderte von Auflagen.

Ein Roman mit erhobenem Zeigefinger

Der sentimentale Verführungsroman war Ende des 18. Jahrhunderts ein beliebtes Genre, um moralische Botschaften zu transportieren. Die Handlung folgt einem vertrauten Muster: Eine junge Frau lässt sich vor der Ehe auf einen Mann ein, der sie später fallen lässt. Am Ende stirbt sie verarmt und verachtet. Die Botschaft ist klar: Vergnügen lohnt sich nicht. Dieses Muster traf den Nerv der amerikanischen Leserschaft.

Rowson, die als Schauspielerin und Autorin zwischen England und Nordamerika pendelte, griff auf ein französisches Vorbild zurück: Jean-Jacques Rousseaus „Julie oder Die neue Heloise“ von 1761. Darin verliebt sich ein Hauslehrer in seine adlige Schülerin, die ein Kind bekommt, es verliert und schließlich stirbt. Auch Johann Wolfgang von Goethe lieferte 1774 mit „Die Leiden des jungen Werthers“ einen Beitrag zum Genre, der jedoch die Standesschranken hinter sich ließ.

Tränen und Moral

Schon im Vorwort zu „Charlotte Temple“ zeigt Rowson ihre Absicht: Sie schreibt für junge, ungeschützte Frauen, die leicht zum Opfer des anderen Geschlechts und ihrer eigenen Lust werden könnten. „Oh, meine lieben Mädchen, denn nur für die schreibe ich, hört nicht auf die Stimme der Liebe, sofern sie nicht von euren Eltern zugelassen wurde“, heißt es dort. Charlotte selbst kann diese Warnung nicht hören: Sie bekommt ein Kind, wird betrogen, der Verführer zieht sich zurück, sie stirbt krank. Der Offizier tötet einen Mitintriganten und verfällt in Depression. Auch die Lehrerin, die an der Verführung beteiligt war, stirbt elend. Die Botschaft des Romans ist unmissverständlich: Aus Lust entsteht nichts Gutes.

Quelle: www.faz.net