Bei einem russischen Gleitbomben-Angriff auf zwei zivile Busse in der ostukrainischen Frontstadt Kramatorsk sind nach Behördenangaben mindestens 30 Menschen getötet worden. Weitere 18 Menschen seien verletzt worden, teilte der Gouverneur des Gebiets Donezk, Wadym Filaschkin, am Donnerstag mit. Zuvor war von einem Dutzend Toten und 14 Verletzten die Rede gewesen. Die Angaben sind von unabhängiger Seite nicht unmittelbar überprüfbar.
Der Angriff habe auf beiden Bussen, die zum Zeitpunkt des Einschlags Fahrgäste beförderten, ein Feuer ausgelöst, berichtet die BBC unter Berufung auf die Rettungskräfte. Fotos der örtlichen Staatsanwaltschaft zeigten das ausgebrannte Metallwrack eines Busses, Trümmer und Opfer auf der Straße. Filaschkin veröffentlichte in seinem Telegram-Kanal Bilder des brennenden Fahrzeugs. „Das sind Menschen, die von der russischen Armee getötet wurden“, schrieb er. „Dafür gibt es keine Rechtfertigung und kann es auch keine geben.“
Der Gouverneur warf Russland vor, gezielt Zivilisten anzugreifen. „Für sie ist ein Bus mit Fahrgästen ein attraktives Ziel, gerade weil man mit einem einzigen Schlag so viele Menschen wie möglich töten kann“, sagte er. Russland missachte bewusst alle Regeln der Kriegsführung und das humanitäre Völkerrecht. Moskau hat sich zu dem Angriff bislang nicht geäußert.
Evakuierungsappelle und eingestellter Nahverkehr
Filaschkin rief die noch im Gebiet Donezk verbliebenen Menschen auf, in sicherere Regionen der Ukraine zu fliehen. Angesichts der „drastischen Verschlechterung der Sicherheitslage“ wies er die Militärverwaltungen von Kramatorsk und der Nachbarstadt Slowjansk an, den öffentlichen Nahverkehr einzustellen. „Wir haben kein Recht, das Leben von Fahrgästen und Fahrern zu riskieren“, sagte er. Trotz solcher Appelle weigern sich nach Angaben der Behörden immer wieder viele Bewohnerinnen und Bewohner, ihr Hab und Gut zurückzulassen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und forderte die Partnerländer zu „konkreten Taten“ auf – neuen Verteidigungspaketen zum Schutz der Ukraine. Bereits in dieser Woche hatte er vor Geheimdienstinformationen über einen bevorstehenden großen russischen Angriff gewarnt.
Eine Stadt, die fast täglich getroffen wird
Kramatorsk war lange ein Logistik- und Versorgungszentrum der ukrainischen Armee. Vor Beginn des russischen Angriffskriegs lebten dort rund 150.000 Menschen. Heute kommt die Stadt, die neben Slowjansk die letzte von der Ukraine kontrollierte Großstadt in der Region Donezk ist, nach Angaben der BBC fast täglich unter Beschuss, weil russische Truppen sich von Osten nähern. Besonders häufig werden Gleitbomben eingesetzt – mit Flügeln versehene Sprengkörper, die nicht einfach fallen, sondern ins Ziel segeln. Ende August wurden an einem einzigen Tag bis zu neun solcher Bomben auf Kramatorsk abgefeuert. Der Stadtrat nannte den jüngsten Einschlag ein „entsetzliches Verbrechen der russischen Armee an der Zivilbevölkerung“. „Wieder einmal haben die Russen einen Ort getroffen, an dem es absolut keine militärischen Ziele gibt.“
Der Angriff fällt in eine Phase stark zunehmender russischer Attacken. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden in der Ukraine bis August dieses Jahres mehr Zivilisten getötet als im gesamten Jahr 2025. Zuvor wurde in Pryluky östlich von Kyjiw ein fünfstöckiges Wohnhaus zerstört; nach Angaben des Regionalgouverneurs Wjatscheslaw Tschaus starben dort 22 Menschen, darunter fünf Kinder, drei von ihnen erst ein Jahr alt. Insgesamt meldeten die ukrainischen Behörden für die russischen Luftangriffe mindestens 32 Tote und rund 100 Verletzte. Selenskyj nannte ihn einen der „niederträchtigsten Angriffe“ und verwies darauf, dass er mit dem Geburtstag des russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammenfiel.
Auch die Hauptstadt Kyjiw steht unter Dauerbeschuss. Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge wurden am Donnerstag drei Menschen getötet und 14 weitere verletzt, zwei von ihnen lebensgefährlich. Die Angriffe zwingen Schulkinder in Schutzräume, lassen Geschäfte schließen und legen den öffentlichen Verkehr lahm. Weil russische Angriffe gezielt die Energieinfrastruktur treffen, kommt es bereits zu Stromausfällen; am Donnerstag warnte das örtliche Wasserwerk, der Druck im rechtsufrigen Teil der Stadt sinke wegen der Stromausfälle.
Für die Menschen in der Ukraine bleibt der Schutz vor ballistischen Raketen begrenzt: Abfangraketen sind weltweit knapp. Warnungen vor Angriffen sind derzeit eine der wenigen Verteidigungsmöglichkeiten. In Deutschland verfolgen viele Ukrainerinnen und Ukrainer mit Verwandten in der Region Donezk die Lage mit Sorge; neue Fluchtbewegungen könnten den Druck auf Unterkünfte und Integrationsangebote erhöhen. Ob die zugesagten westlichen Verteidigungspakete die Luftabwehr spürbar stärken, ist offen – die Entscheidungen darüber fallen in den kommenden Wochen.



