Die Ukraine bereitet nach einem Bericht des US-Magazins „The Atlantic“ eine neue Phase ihrer Drohnenkampagne gegen russische Flughäfen vor: Mit KI-gesteuerten Drohnen sollen die Airports direkt angegriffen werden, statt wie bisher nur den Luftraum um sie herum zu blockieren. Das berichtet das englischsprachige ukrainische Nachrichtenportal Kyiv Post unter Berufung auf „The Atlantic“.
Die Operation trägt den Namen „M&Ms“. Sie wurde nach Angaben von zwei mit dem Plan vertrauten Personen unter dem früheren Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entwickelt. Vorgesehen sind kleine, billige Drohnen, die ohne menschliche Steuerung navigieren und Ziele selbst erkennen können. Sie sollen detaillierte Karten und Bilder der Ziele mitführen, damit ihre Bordcomputer Live-Aufnahmen der Kamera mit gespeicherten Daten abgleichen können. Ist ein Ziel identifiziert, stürzt sich die Drohne nach Darstellung des Berichts hinein und detoniert – ohne weitere Bestätigung durch einen Operator.
Nach Angaben ukrainischer Beamter gegenüber „The Atlantic“ soll die kommende Operation deutlich aggressiver ausfallen. Die Drohnen seien nicht auf US-Aufklärungsdaten angewiesen und könnten bald in die Serienproduktion gehen. Ein Prototyp sei bereits im Donbas im Kampf eingesetzt worden, die Entwicklung laufe aber noch. Gegen russische Flughäfen sind die Drohnen bisher nicht zum Einsatz gekommen.
Was die bisherige Kampagne schon bewirkt hat
Die laufende Kampagne hat den Luftverkehr rund um Moskau bereits erheblich gestört. Zwischen dem 3. und dem 9. Oktober wurden an russischen Flughäfen nach den im Bericht genannten Zahlen 345 Flüge gestrichen und zahlreiche verspätet, manche Passagiere warteten zehn Stunden oder länger. Am 10. Oktober kamen 692 weitere Verspätungen und 93 Streichungen hinzu, am 14. Oktober 238 Verspätungen und 124 Streichungen. Das Moskauer Flughafennetz war dem Bericht zufolge im Schnitt rund drei Stunden täglich außer Betrieb.
Selbst das Flugzeug von Präsident Wladimir Putin konnte am 9. Oktober nach Angaben aus dem Bericht nicht in Moskau landen, als er aus Turkmenistan zurückkehrte – zwei der vier Hauptstadtflughäfen waren während eines Drohnenangriffs sieben Stunden lang geschlossen. Ein mit der Operation vertrauter Militär sagte dem Magazin, die Präsidentenmaschine sei kein Ziel gewesen: „Das war reiner Zufall. Einfach ein Zufall.“
Längere Flughafenschließungen könnten nach Einschätzung des Berichts internationale Airlines wie Turkish Airlines und Emirates dazu bringen, ihre Flüge in die russische Hauptstadt zu überdenken – mit Folgen für eine wichtige Verbindung zwischen der russischen Elite und der Außenwelt.
Streit mit Washington über Raffinerie-Angriffe
Der geplante Ausbau der Kampagne fällt in eine Phase wachsender Spannungen zwischen Kyjiw und Washington. Auslöser sind ukrainische Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur. Am 9. Oktober kündigte US-Präsident Donald Trump eine Vereinbarung an, wonach Russland Diesel an die USA und den Weltmarkt liefern darf. Wie zn.ua berichtet, gilt eine befristete Lizenz für Lieferungen bis zum 7. April 2027.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte der britischen „Financial Times“ am 14. Oktober, Kyjiw werde die Pause bei Angriffen auf Raffinerien nicht länger einhalten: „Die Blockade ist weg. Wir sind fertig damit.“ In der Nacht zum 15. Oktober griff die Ukraine eine Raffinerie in der Region Rjasan an, rund 300 Kilometer südöstlich von Moskau, und löste dort einen Brand aus. Später an diesem Tag nannte Trump die Wiederaufnahme der Raffinerie-Angriffe im Interview mit dem Sender Newsmax eine „Schande“.
Selenskyj hatte zuvor in einem Interview mit dem britischen Moderator Piers Morgan am Mittwoch das Diesel-Abkommen als „einfachen Sieg“ des Kremls bezeichnet. „Es ist schade, dass wir einen starken Partner verlieren“, sagte er. Zugleich warf er Trump vor, im Krieg Russlands Seite zu ergreifen. „Das ist unser Land, unser Körper, unser Zuhause, unsere Kinder“, sagte Selenskyj. „Deshalb tut es weh, wenn Trump eine Seite wählt.“
Die Ukraine hatte auf Bitten Washingtons Angriffe auf russische Raffinerien zeitweise ausgesetzt. Kyjiw argumentierte, ein Energiewaffenstillstand müsse für beide Seiten gelten und dürfe nicht die ukrainische Vergeltung einschränken, während Moskau weiter das ukrainische Stromnetz angreife. Gegen Angriffe auf russische Flughäfen oder Rechenzentren hat Trump nach Darstellung von „The Atlantic“ bislang nicht öffentlich protestiert.
Ein Plan mit offenen Risiken
Der Plan für „M&Ms“ wurde dem Bericht zufolge bereits Anfang 2026 Präsident Selenskyj vorgestellt. Er habe Bedenken wegen der Risiken für zivile Flugzeuge, Passagiere und Flughafenmitarbeiter geäußert, die Vorbereitungen aber fortsetzen lassen. Ein Berater sagte dem Magazin: „Das wäre Piraterie. Der Präsident will das nicht zulassen.“ In Europa stößt diese Zurückhaltung nicht überall auf Verständnis. „Es ist unfair, dass eine Seite alle Regeln des Krieges bricht und die andere sich zurückhält“, sagte ein hochrangiger Vertreter eines europäischen Landes.
Der Bericht verweist auch auf die Risiken für die globale Luftfahrt: Anfang August entdeckten deutsche Behörden auf einem Flughafen nahe Leipzig eine mutmaßlich russische Drohne mit Sprengstoff an Bord. Einen Monat später richteten sich russische Drohnen nach Darstellung des Berichts gegen das Flugzeug des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, als dieser von Moldau nach Norwegen startete.
Zugleich zeigt der Bericht, wie sehr die Kampagne längst auch die russische digitale Infrastruktur trifft. Eine neue Angriffswelle auf Rechenzentren traf vor allem den Konzern Jandex, auf dem ein Großteil der russischen Digitalwirtschaft aufbaut. Nutzer beschwerten sich massenhaft in sozialen Netzwerken. Nach den im Bericht genannten Schätzungen könnte das Unternehmen bis zu sechs Monate brauchen, um die beschädigten Zentren wiederherzustellen.
Für Teile von Selenskyjs Team sieht die Lage dennoch düster aus. Die Diesel-Vereinbarung bringe dem Kreml Milliardeneinnahmen für den Militärhaushalt und hebe einen Teil der US-Sanktionen auf, heißt es in dem Bericht. Ein an der Planung der Moskauer Flughafenblockade beteiligter Beamter sagte: Sollten die USA auf die Seite Russlands treten, bleibe der Ukraine keine andere Wahl, als die Eskalation aufzugeben und Frieden zu schließen. „Jetzt ist klar geworden, dass Russland an der schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht zusammenbrechen wird“, sagte er. „Das heißt, wir müssen unsere Strategie ändern.“
Anmerkung der Redaktion: Die Einschätzung, ob die neue Drohnenkampagne Moskau tatsächlich zu Zugeständnissen zwingt, hängt maßgeblich davon ab, wie stark die USA die Ukraine weiter unterstützen – eine Frage, die derzeit offen ist.



