Mo., 19 Okt. 2026 Kyjiw 14:02Berlin 13:02London 12:02 UKR / DE / EN

Patriot-Raketen: Bezahlt, aber nicht geliefert?

Selenskyj wirft den USA vor, von Verbündeten bezahlte Abfangraketen zurückzuhalten – und verknüpft sie mit dem Streit um Dieselangriffe. Was belegt ist, was nicht.

Patriot-Raketen: Bezahlt, aber nicht geliefert?
Archivfoto: Mark Holloway from Beatty, Nevada, USA / Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Selenskyj wirft den USA vor, von Verbündeten bezahlte Abfangraketen zurückzuhalten – und verknüpft sie mit dem Streit um Dieselangriffe. Was belegt ist, was nicht.

Selenskyj hat Washington in einem Bloomberg-Interview, veröffentlicht am 18. Oktober, einen schweren Vorwurf gemacht: Die USA hielten Patriot-Abfangraketen zurück, die Verbündete für die Ukraine längst bezahlt hätten. „Die amerikanische Seite hat die Lieferung nur eines Teils genehmigt, des Rests nicht. Und das ist keine technische Frage“, sagte er. Die US-Regierung hat die Angaben bislang weder bestätigt noch erklärt.

Es geht um PURL, die „Prioritised Ukraine Requirements List“ der NATO. Verbündete bezahlen darüber Waffen aus US-Beständen für die Ukraine. Nach NATO-Angaben flossen seit August 2025 rund eine Milliarde Dollar pro Monat, über vier Milliarden waren bis Dezember 2025 zugesagt. Deutschland ist dabei: Es finanzierte zwei der drei jüngsten 500-Millionen-Dollar-Pakete mit, gemeinsam mit Norwegen, Polen und den Niederlanden. Was in Washington hängt, ist also auch europäisches Geld.

Zwölf Raketen im Monat

Nach Selenskyjs Darstellung liefern die USA derzeit nur 12 Patriot-Abfangraketen pro Monat, etwa ein Viertel der Menge unter Joe Biden. Zugleich, so berichten Kyiv Independent und Ukrinform, seien die ukrainischen Bestände Mitte Oktober kritisch niedrig; die Washington Post zitiert einen ukrainischen Vertreter mit „nur noch wenigen“. Russland beschoss Kyjiw am 18. und 19. Oktober mit ballistischen Raketen, gegen die nur Patriot-Systeme zuverlässig helfen. Am 19. Oktober starben dabei laut Ukrinform eine 21-jährige Frau, acht Menschen wurden verletzt.

Zur Einordnung: Selenskyj ist hier Partei. Die Zahl „12“ stammt von ihm, eine unabhängige Bestätigung fehlt. Unstrittig ist der Kontext: Der Think-Tank FDD schätzt, dass Russland mehr als 100 ballistische Raketen im Monat produziert, die ukrainische Eigenproduktion von Patriot-Raketen dagegen selbst bei sofortiger Lizenz Jahre brauchen würde.

Dazu passt der zweite Teil des Interviews. Selenskyj schilderte sein „letztes Modell“: „Wir nehmen russischen Diesel nicht ins Visier, ihr gebt uns Raketen für Patriot-Systeme, um unsere Anlagen zu schützen.“ Washington aber wolle, dass die Ukraine Angriffe auf Dieselinfrastruktur ganz einstelle, und drohe sonst, „uns von etwas abzuschalten“. Er sprach von Schritten, um die Ukraine „zur Kapitulation zu bewegen“, und nannte als weiteres Beispiel gedrosselte Starlink-Geschwindigkeiten, die Ukrinform wiedergibt.

Warum gerade Diesel?

Die Erklärung liegt in Trumps Kalender. Am 13. September forderte er öffentlich ein Ende der Angriffe auf russische Dieselproduktion. Am 9. Oktober vereinbarte er nach einem Telefonat mit Putin Diesellieferungen aus Russland: mehr als 300.000 Tonnen sofort, bis zu drei Millionen später; das US-Finanzministerium erlaubte den Handel bis 7. April 2027. Am 10. Oktober sagte Trump, die Ukraine brauche „einen neuen Präsidenten“. Am 18. Oktober schrieb er auf Truth Social, Selenskyj sei es egal und er wolle den Krieg wohl nie beenden, und sprach von „großen Fortschritten“ Richtung Frieden. Am 3. November sind Zwischenwahlen; steigende Spritpreise sind für das Weiße Haus ein Problem. Selenskyj selbst koppelt die „gefährlichen Tage“ vor der Wahl an den Druck.

Aus unserer Sicht sind drei Entwicklungen denkbar. Am wahrscheinlichsten, aber mit Unsicherheit: Die USA geben einen Teil der Raketen frei und knüpfen das weiter an Zurückhaltung bei Raffinerieangriffen. Möglich ist auch, dass Europa die Lücke über eigene Systeme und Bestände schließt, was aber Monate dauert. Am unangenehmsten wäre ein Zustand, in dem Kyjiw vor dem Winter zwischen Schutz der Energieanlagen und Vergeltungsschlägen wählen muss. Russland hat Trumps Energie-Waffenruhe laut Selenskyj 76-mal verletzt.

Für Deutschland stellt sich damit eine unbequeme Frage: Wer Geld in ein US-Lieferprogramm gibt, hängt davon ab, dass Washington auch liefert. Die Bundesregierung hat erklärt, an Sanktionen und Unterstützung festzuhalten. Ob das für Patriot-Nachschub reicht, entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Quellen: NATO, Kyiv Independent, Kyiv Post, Ukrinform, FDD

EuroPulse auf Telegram: die wichtigsten Nachrichten kurz und auf Ukrainisch →