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Geheimdienste: Russland plant Anschläge auf Rüstungsmanager

Fünf europäische Geheimdienste warnen laut Financial Times, der Kreml weite Sabotage und Anschlagspläne gegen Führungskräfte von Verteidigungsfirmen aus. Das BfV verstärkt den Schutz deutscher Unternehmen.

Geheimdienste: Russland plant Anschläge auf Rüstungsmanager
Grafik: EuroPulse

Fünf europäische Geheimdienste warnen laut Financial Times, der Kreml weite Sabotage und Anschlagspläne gegen Führungskräfte von Verteidigungsfirmen aus. Das BfV verstärkt den Schutz deutscher Unternehmen.

Europäische Geheimdienste haben Führungskräfte von Verteidigungsunternehmen davor gewarnt, dass Russland seine Anschlagsversuche auf sie verstärkt. Wie Ukrajinska Prawda unter Berufung auf die Financial Times berichtet, hat der Kreml nach Angaben von Vertretern von fünf europäischen Geheimdiensten den Auftrag erteilt, Sabotage- und Hybridoperationen in Europa auszuweiten, um die Unterstützung für Kyjiw in den kommenden Monaten deutlich zu schwächen.

Nach Einschätzung der Dienste werden auch Anschläge auf europäische Zivilisten, die selbst für russische Spezialdienste lange als tabu galten, zu einem immer wichtigeren Bestandteil dieser Pläne. Ziele könnten demnach Führungskräfte und andere hochrangige Mitarbeiter von Rüstungsfirmen sein, aber auch Manager kleinerer Unternehmen, besonders aus der Drohnenproduktion oder der Herstellung von deren Komponenten. Die Verantwortung für mögliche Anschläge wird laut Financial Times weitgehend der Hauptverwaltung des Generalstabs der russischen Streitkräfte (GRU) zugeschrieben.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), Sinan Selen, warnte laut Financial Times gegenüber deutschen Gesetzgebern: „Russland betreibt eine gezielte Planung von Gewalttaten gegen Einzelpersonen durch staatliche oder staatlich kontrollierte Akteure. Wir beobachten eine Weiterentwicklung dieser Handlungen bei Zielen, Methoden und beteiligten Akteuren, darunter die Nutzung von Strukturen der organisierten Kriminalität.“ Das BfV habe die Arbeit mit Beschäftigten und der Führung deutscher Rüstungsunternehmen deutlich verstärkt und empfehle unter anderem die Einbindung privater Personenschutzteams.

Mehrere Manager von Verteidigungsfirmen sagten der Financial Times, sie hätten in den vergangenen sechs Monaten auf konkrete Empfehlungen staatlicher Sicherheitsdienste hin ihre persönlichen Schutzmaßnahmen verstärkt. Andere gaben an, solche Vorkehrungen nur bei Reisen ins Ausland zu treffen. Ein hochrangiger Vertreter einer europäischen Geheimdienstbehörde sagte dem Bericht zufolge, die Bedrohungslage in Europa sei „für Eigentum wie für Menschen“ gestiegen. Die russische Seite setze zunehmend auf gemischte Netzwerke: Offiziere arbeiteten häufiger mit organisierten kriminellen Gruppen zusammen, Aufgaben wie Aufklärung, Logistik, Planung und Ausführung würden auf verschiedene Zellen oder Personen verteilt, statt auf „Einweg“-Agenten zu setzen, die im Internet für Geld angeworben werden. In einigen Fällen seien Verschwörungen bereits entdeckt und gestoppt worden, in anderen Fällen hätten die Behörden verdächtige Aktivitäten beobachtet, darunter die Observation des Alltags einzelner Personen zu Hause und am Arbeitsplatz.

Ein Vertreter der europäischen Geheimdienste betonte, für Russland stehe die psychologische Wirkung im Vordergrund: „Allein die Tatsache, dass Menschen das Gefühl haben, sie könnten zum Ziel werden, erzielt den gewünschten Effekt. Sie wollen, dass die Leute zweimal nachdenken, bevor sie Geschäfte mit der Ukraine machen.“

Wie der Kreml seit 2024 gegen Rüstungsmanager vorgeht

Die Führungskräfte der größten europäischen Rüstungsunternehmen befinden sich seit Anfang 2024 in erhöhter Alarmbereitschaft. Damals deckten US-amerikanische und deutsche Geheimdienste laut Financial Times einen russischen Anschlagsplan gegen den Vorstandsvorsitzenden des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, auf. Im Januar 2025 bestätigte die Nato offiziell, dass Russland die Tötung Pappergers beabsichtigt hatte. Anfang August wurde in Schweden ein russisches Paar festgenommen, nachdem es sich in der Nähe einer Immobilie niedergelassen hatte, in der eine Person mit Personenschutz lebte – dabei handelte es sich um den Vorstandsvorsitzenden des schwedischen Rüstungsunternehmens Saab, Mikael Johansson.

Bereits Anfang Oktober berichteten WELT AM SONNTAG und der britische „Telegraph“ nach vertraulichen Gesprächen mit Sicherheitsbehörden, dass europäische Dienste in den kommenden Monaten mit einer Zunahme russischer Sabotageakte rechnen. Ein hochrangiger Nato-Vertreter sagte der Zeitung, das Bündnis erwarte eine aggressivere Kommunikation aus Moskau und eine Ausweitung hybrider Angriffe in Europa – auch als Reaktion des Kremls auf den westlichen Ausbau der Verteidigungsfähigkeit. „Wir glauben, dass Russland derzeit einem Druck ausgesetzt ist, der bemerkenswert hoch ist – wahrscheinlich so hoch wie nie zuvor während des Krieges und zu keinem Zeitpunkt während Wladimir Putins Amtszeit in Russland“, sagte der Vertreter.

Analysten der Bundesregierung rechnen ebenfalls mit einer Verschärfung der Angriffe. Der fehlgeschlagene Drohnenangriff auf ukrainische Antonow-Maschinen am Flughafen Leipzig im August sei Ausdruck einer grundsätzlichen Entwicklung, hieß es. Deutschland stehe als Hauptunterstützer der Ukraine besonders im Fokus. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sagte der Zeitung, er erwarte eine spürbare Zunahme russischer Sabotage- und Terrorangriffe; Russland werde dabei auch zivile Opfer in Kauf nehmen. „Die Angriffe haben klar eine militärische Komponente. Russland sieht sich im Krieg mit der Nato, der EU und uns“, so Kiesewetter. Er fordert, die militärische Unterstützung für die Ukraine „wesentlich“ zu erhöhen, etwa durch die Lieferung weitreichender Waffen wie der Marschflugkörper Taurus. Der Grünen-Politiker Robin Wagener, stellvertretendes Mitglied des Verteidigungsausschusses, sagte: „Der russische Staatsterror gegen EU-Mitglieder soll die Ukraine und unseren Verteidigungswillen schwächen.“ Er warnt vor einem breiten Spektrum möglicher Angriffe, von Cyberattacken und Sabotage bis hin zu Mordanschlägen, und schließt militärische Provokationen etwa in der Ostsee nicht aus.

Der frühere österreichische Geheimdienstchef Omar Haijawi-Pirchner sieht hinter den russischen Aktivitäten eine langfristige Strategie: Der Kreml verstehe sein Verhältnis zu Europa als „systemischen Konflikt“ und werde Drohnenüberflüge sowie Angriffe auf Rüstungsunternehmen und kritische Infrastruktur ausweiten. Der frühere BND-Präsident Gerhard Schindler sagte der Zeitung, Ziel der hybriden Angriffe sei es, die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. „Die Bevölkerung soll Angst haben vor einer direkten kriegerischen Auseinandersetzung und daher am Sinn der Hilfen für die Ukraine zweifeln.“ Russlands Präsident Putin verfolge zwei zentrale Ziele: einen militärischen Erfolg in der Ukraine und die Schwächung der Unterstützung für Kyjiw. „Deshalb wird er beides steigern, nämlich den militärischen Druck auf die Ukraine und den hybriden Druck auf den Westen“, so Schindler. Die russische Botschaft wies die „haltlosen Anschuldigungen“ hinsichtlich einer angeblichen Verwicklung Russlands an „Sabotage-Aktivitäten“ auf Anfrage von WELT AM SONNTAG zurück.

Was das für deutsche Unternehmen und die Ukraine-Hilfe bedeutet

Die Wirtschaft soll sich nach dem Willen der Politik künftig stärker selbst gegen Drohnen schützen. Der Industrieverband BDI hat nach Informationen von WELT AM SONNTAG eine Arbeitsgruppe mit fast 100 Unternehmen gegründet. Behörden prüfen derzeit, wie die Firmen mehr für die Abwehr von Drohnen über kritische Infrastrukturen oder ihre Betriebsgelände tun können. Der BDI fordert von der Regierung vorab die Klärung offener Haftungsfragen.

Die deutschen Sicherheitsbehörden konnten im Verbund mit befreundeten Diensten bereits russische Pläne aufdecken und vereiteln. In der Abwehr staatlich gesteuerter Terroraktivitäten sei es entscheidend, dem Gegenüber auf Augenhöhe entgegenzutreten, hieß es in der Hamburger Morgenpost. Es sei daher richtig, dass die deutschen Geheimdienste nach den Plänen der Bundesregierung mehr Befugnisse als bisher bekommen sollen, um Gefahren für das Land auch aktiv abwehren zu können. BfV-Präsident Selen hatte in der Anhörung gewarnt: „Wir werden jetzt angegriffen, nicht erst 2029.“

Anmerkung der Redaktion: Die Einschätzung, dass die psychologische Wirkung für Moskau im Vordergrund steht, stammt von den zitierten Geheimdienstvertretern und Sicherheitsbehörden, nicht von der Redaktion.

Quellen

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