Sa., 06 Juni 2026 Berlin 22:22 DE / UKR / EN

Lina Lapelytė verwandelt den Hamburger Bahnhof

Die litauische Künstlerin Lina Lapelytė eröffnet mit einer partizipativen Performance die zweite CHANEL Commission im Hamburger Bahnhof. Ihre Arbeit 'We Make Years Out of Hours' macht die Historische Halle zu einem Ort gemeinsamen Handelns und Gesangs.

Lina Lapelytė verwandelt den Hamburger Bahnhof
Bild: smb.museum

Ein Berliner Museum feiert Geburtstag und stellt dabei seine eigene Rolle radikal in Frage. Mit einer außergewöhnlichen Performance-Kommission setzt der Hamburger Bahnhof ein Zeichen für Gemeinschaft und Öffnung – und lädt das Publikum zum Mitmachen ein.

Ab dem 1. Mai 2026 verwandelt die litauische Künstlerin Lina Lapelytė die Historische Halle des Museums in einen lebendigen Ort kollektiver Erfahrung. Ihre Arbeit „We Make Years Out of Hours“ ist die zweite Ausgabe der CHANEL Commission, einer prestigeträchtigen Reihe für zeitgenössische Kunst. Lapelytė, bekannt für meditative Werke, die Klang, Ritual und Arbeit verweben, schafft hier eine sich ständig entwickelnde Performance, die Grenzen zwischen Skulptur und Aktion, Individuum und Kollektiv verschwimmen lässt.

„Die Kunst kann ein Weg sein, weiterzumachen, wenn man versucht, etwas sehr Komplexes zu überleben“, sagte Lapelytė laut einem Interview in der Vogue. Dieser Gedanke durchzieht ihr gesamtes Werk und findet nun im Hamburger Bahnhof einen besonderen Resonanzraum. Die Besucher werden nicht nur Zuschauer, sondern aktive Teilnehmer an einem „lebendigen Denkmal für Zeit, Fürsorge und Koexistenz“, wie es im Pressematerial des Museums heißt.

Die Eröffnung fällt bewusst in das Gallery Weekend Berlin und markiert gleichzeitig den Auftakt zum 30-jährigen Jubiläum der Nationalgalerie der Gegenwart. Seit 1996 beherbergt der ehemalige Bahnhof in Berlin-Mitte die Sammlung zeitgenössischer Kunst. Das Direktorenduo Sam Bardaouil und Till Fellrath hat sich seit 2022 zum Ziel gesetzt, das Haus stärker als Vermittler denn als bloßen Ausstellungsort zu positionieren.

Diese Neuausrichtung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Wie die Welt berichtet, steht das Museum vor finanziellen Herausforderungen und experimentiert mit neuen Finanzierungsmodellen. Private Partnerschaften wie die mit CHANEL gewinnen an Bedeutung, ohne dass das Haus zur „Glamourbude“ werden soll, wie es im selben Artikel heißt. Die partizipative Ausrichtung von Lapelytės Werk unterstreicht genau diesen Spagat zwischen prestigeträchtiger Förderung und demokratischem Zugang.

Die Performance läuft bis zum 10. Januar 2027 und entwickelt sich über die Monate hinweg weiter. Sie nutzt den imposanten, historischen Raum nicht als neutralen Container, sondern als aktiven Mitspieler. Durch gemeinsames Handeln und Singen entsteht eine temporäre Gemeinschaft – ein bewusster Kontrast zur oft einsamen Erfahrung des Museumsbesuchs.

Für Berliner Kunstinteressierte und internationale Gäste bietet die Ausstellung damit mehr als nur eine weitere Attraktion. Sie ist ein Testfall dafür, wie Museen im 21. Jahrhundert funktionieren können: offen, einladend und im ständigen Dialog mit ihrem Publikum. In einer Stadt, die um ihre kulturelle Identität ringt, setzt der Hamburger Bahnhof mit dieser Commission ein starkes Statement für die Zukunft des gemeinsamen Erlebens.