Das ukrainische Außenministerium führt ein „Zertifikat zur Bewahrung der ukrainischen nationalen Identität“ für Kinder im Ausland ein. Geregelt ist es in Erlass Nr. 469 vom 16. September, geändert am 24. September und seit dem 6. Oktober in Kraft. Das berichten Ukrinform, Mediasapiens und Ukranews. Den Erlasstext selbst konnten wir nicht einsehen; die folgenden Angaben stützen sich auf diese Berichte und auf die Stellungnahme des Ministeriums.
Wer kann das Zertifikat bekommen?
Gedacht ist das Papier für Kinder unter 16 Jahren aus der ukrainischen Gemeinschaft im Ausland. Es genügt offenbar ein Kriterium: Das Kind spricht Ukrainisch, besucht regelmäßig eine ukrainische Samstags- oder Sonntagsschule oder ein Kulturzentrum, fährt in ein Sommerlager für Auslandsukrainer oder nimmt an Konzerten, Wettbewerben, Olympiaden und Gedenkprojekten teil. Eltern können sich nicht selbst bewerben. Sie fragen die Organisation oder Schule, die ihr Kind besucht, ob sie einen Antrag stellt. Entscheiden soll der Leiter der ukrainischen Auslandsvertretung, also in Deutschland der Botschafter oder ein Generalkonsul.
Vize-Außenministerin Mariana Betsa sagte am 18. Oktober gegenüber Ukrinform, die Anweisung sei „auf Wunsch“ von Vertretern der Gemeinden im Ausland erarbeitet worden. Mehr als acht Millionen Ukrainer hätten ihre Heimat wegen des Krieges verlassen; das Ministerium arbeite mit über 700 Diaspora-Organisationen und rund 500 Kultur- und Bildungszentren zusammen. Das Zertifikat solle Kinder motivieren, Sprache und Traditionen zu pflegen und sich als Teil der ukrainischen Weltgemeinschaft zu fühlen.
Handfeste Vorteile bringt es nicht. Nach Angaben der ukrainischen Botschaft in Tschechien, die Ukranews zitiert, hat das Zertifikat „ermunternden Charakter“ und gewährt seinem Inhaber keine Vergünstigungen. Die Aushändigung soll feierlich erfolgen; wer die Urkunden druckt und was das kostet, ist nicht bekannt.
Kritik aus der Diaspora
Kritik kommt aus der Diaspora. Maria Zhartovska, Chefin der Plattform Yellow Blue in Toronto, schrieb auf Facebook, die Konsulate seien schon jetzt schwer erreichbar, etwa per Telefon oder für Termine, und Pässe für Kinder mit einem nicht-ukrainischen Elternteil bereiteten Probleme. Nun solle ausgerechnet der Leiter einer Auslandsvertretung darüber befinden, ob ein Kind eine Urkunde „verdient“. Eine Reaktion des Ministeriums darauf liegt uns nicht vor.
Was das bedeutet
Unsere Einschätzung: Der Ansatz ist kostengünstig und kann Schulen und Vereinen Anerkennung verschaffen, die in Deutschland oft ehrenamtlich arbeiten. Im Oktober 2025 hatte die Regierung bereits die ersten verifizierten Samstags- und Sonntagsschulen aus sieben Ländern veröffentlicht, Deutschland war dabei. Für Familien ändert sich zunächst nichts: kein Anspruch, keine Frist, keine Gebühr. Ob das Papier mehr wird als ein Symbol, hängt davon ab, ob die Vergabe transparent und unbürokratisch läuft. Gerade daran zweifeln die Kritiker, und die Erfahrung mit den Konsulaten gibt ihnen nicht ganz Unrecht. Wer sein Kind in einer Samstagsschule hat, fragt am besten dort nach, ob ein Antrag geplant ist.
Parallel läuft das Programm „Rückkehr nach Hause“: Nach Betsas Angaben nahmen in sechs Etappen über 700 Kinder aus 18 Ländern teil, die siebte ist für den 31. Oktober bis 6. November angesetzt.
Quellen: Ukrinform (Stellungnahme von Vize-Außenministerin Betsa), Mediasapiens, Ukranews, Ministerkabinett der Ukraine



