Mo., 29 Juni 2026 Kyjiw 21:17Berlin 20:17London 19:17 UKR / DE / EN

Warum eine Gesundheitsreform in Deutschland so schwer ist

Deutschland gibt mehr Geld für Gesundheit aus als die meisten anderen Länder, hat überdurchschnittlich viele Ärzte und Krankenhäuser – und dennoch erleben Patienten lange Wartezeiten und überlastete Notaufnahmen. Der Gesundheitsökonom Boris Augurzky erklärt, warum der subjektive Eindruck einer Mangelwirtschaft mit der Statistik einer Überversorgung kollidiert.

Warum eine Gesundheitsreform in Deutschland so schwer ist
Bild: media0.faz.net

Der Autor erlebte kürzlich selbst, was viele Deutsche beklagen: Nach einem Notfall wies ihn die erste Klinik ab, in der zweiten wartete er fünf Stunden auf die erste Untersuchung. Seine persönliche Erfahrung deckt sich mit dem verbreiteten Eindruck, die medizinische Versorgung in Deutschland sei unzureichend. Doch die Statistik zeichnet ein anderes Bild.

Auf einer wissenschaftlichen Konferenz hörte der Autor einen Vortrag des Gesundheitsökonomen Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut in Essen. Augurzky, der in der Ampelkoalition der Krankenhausreformkommission von Minister Karl Lauterbach (SPD) angehörte, widerlegte mit aggregierten Zahlen die anekdotische Evidenz. Deutschland wendet 12,2 Prozent seiner Wirtschaftskraft für Gesundheit auf – mehr als Österreich (11,5 Prozent), die Schweiz (11,5 Prozent) oder Dänemark (9,5 Prozent).

Ärzte, viele Krankenhäuser – aber nur mittelmäßige Ergebnisse

Mit 4,7 Ärzten je tausend Einwohner liegt Deutschland international an der Spitze. Auch die Krankenhausdichte und die Zahl der Pflegekräfte sind überdurchschnittlich. Dennoch ist die Lebenserwartung mit 82,9 Jahren bei Frauen und 78,2 Jahren bei Männern unterdurchschnittlich. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kritisiert neben den hohen Kosten eine überbordende Bürokratie, unkoordinierte Behandlungspfade und zu viele Operationen.

Die Finanzierungsprobleme wachsen: Bleibt alles beim Alten, steigt die Sozialabgabenquote von derzeit 41,9 auf 48,7 Prozent im Jahr 2035. Gleichzeitig schrumpft die Zahl der Patienten. Der Widerspruch zwischen individueller Wahrnehmung und Statistik hat laut Augurzky eine zentrale Ursache: die Erwartungshaltung der Gesellschaft.

Der Wunsch nach Maximalversorgung blockiert Reformen

„Am liebsten wäre allen eine Maximalversorgung an jeder Ecke“, so Augurzky. Gesundheit werde als „unbezahlbares Gut“ behandelt, das man nicht ökonomisieren dürfe. Die Folge: Jedes Krankenhaus müsse erhalten, jede neue Leistung finanziert, jede Wartezeit verhindert werden. Wenn ein Krankenhaus in der Nachbarschaft geschlossen wird, sei der Aufschrei groß – verstärkt von Bürgermeistern und Landräten, die um ihre Wiederwahl fürchten.

Der Ökonom hingegen denkt in Grenznutzen: Der erste Landarzt in einem Dorf bringt enorm viel, der vierte schon nicht mehr so viel. Doch Gesundheitsleistungen zu priorisieren, gilt in Deutschland als politisch heikel. Die Kosten einer Reform sind sofort sichtbar, der Nutzen liegt in der fernen Zukunft. Solange die Gesellschaft hundert Prozent Sicherheit verlange, werde sich an der Misere wenig ändern, folgert der Autor.

Quelle: www.faz.net