Friedrich Merz hat in einem Sommerinterview erneut die „ewige Nölerei“ der Deutschen beklagt. Der Soziologe Armin Nassehi sieht das anders: Die Unzufriedenheit sei nicht einfach ein Charakterzug, sondern habe eine politische Funktion. Im Interview mit dem Tagesspiegel erläutert er seine Gegenthese.
Auf die Frage, ob Merz‘ Diagnose eines notorisch nörgelnden Landes zutreffe, antwortet Nassehi differenziert. Man müsse unterscheiden zwischen konkreter Kritik an der Politik der Bundesregierung und einer generalisierten, undifferenzierten Unmutsäußerung. Letztere, das „Schlechtreden“, gebe es durchaus. Doch die von Merz beklagte Nörgelei reihe sich in eine Elitenkritik ein, die derzeit so stark sei wie nie.
Nassehi stellt damit die implizite Annahme des Kanzlers infrage: Nicht das Volk sei das Problem, sondern das Verhältnis zwischen Regierten und Regierenden. Die anhaltende Kritik sei Ausdruck eines Misstrauens gegenüber politischen Entscheidungsträgern – und damit ein ernstzunehmendes Signal, nicht bloß Jammern.
Quelle: www.tagesspiegel.de



