Die Ukraine hat über das NATO-Programm PURL US-Waffen im Wert von 10 Milliarden Dollar erhalten. Das sagte Admiral Giuseppe Cavo Dragone, Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, in einem Interview mit Ukrinform. „Der PURL-Mechanismus funktioniert. Er ist der schnellste, glaube ich. Er startete im Juli letzten Jahres, und jetzt läuft er sehr gut, schnell“, sagte Dragone. Die Ukraine bekomme, was sie brauche, „auf der Grundlage ihrer Anfragen und Prioritäten und auf dem schnellsten Weg“.
Dragone betonte, PURL sei nicht das einzige Instrument. Insgesamt habe die Allianz der Ukraine im Jahr 2026 Hilfen im Wert von 70 Milliarden Dollar bereitgestellt und weitere 70 Milliarden Dollar für 2027 zugesagt. „Sie [die Partner der Ukraine] sind motiviert. Wir denken, sie werden erfolgreich sein. Und so, mit Ihrem Handeln auf dem Schlachtfeld – ich sage es noch einmal, den Tiefenschlägen – und auch mit der Tatsache, dass die Ukraine die Frontlinie halten konnte, gibt es keine Geländegewinne“, so der Admiral.
Am 6. Oktober besuchte eine Delegation des NATO-Militärausschusses unter Leitung Dragones Kyiv. Dort sprach sie mit der Führung des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte über die Lage an der Front und die weitere Unterstützung der Ukraine.
Wie die NATO ihre Hilfe für 2027 plant
Die von Dragone genannten 70 Milliarden Dollar für 2027 sind Teil einer laufenden Debatte. Bereits im Juni 2026 berichtete zn.ua unter Berufung auf Politico und vier NATO-Diplomaten, dass die Allianz ein neues Finanzzusagenpaket von 70 Milliarden Euro für militärische Zwecke prüfe. Die Ankündigung sollte, falls beschlossen, beim NATO-Gipfel in Ankara im Juli erfolgen. Der Vorschlag, im Vormonat von Deutschland eingebracht, sah einen neuen Mechanismus für mehr Transparenz bei der Finanzierung der Ukraine vor. Hintergrund waren Beschwerden einiger Länder, sie gäben unverhältnismäßig viel für die Unterstützung Kyjiws aus.
Ein hochrangiger NATO-Diplomat sagte damals: „Der Schlüssel ist, von Ankara eine feste Zusage zu bekommen, der Ukraine weiterhin wichtige Unterstützung auf nachhaltiger und gerechterer Grundlage zu leisten.“ Die Debatte über verstärkte Unterstützung gewann an Aktualität, weil viele Experten argumentierten, Kyjiw verschiebe das Kräfteverhältnis im Krieg zu seinen Gunsten. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps stellten die USA fast alle neue Militärhilfe für die Ukraine ein und verkaufen Kyjiw nur noch Waffen, die von anderen Verbündeten finanziert werden. Laut einem am 4. Juni veröffentlichten Bericht des Kiel Instituts leisteten europäische Länder von Januar bis April monatlich 2 Milliarden Euro Militärhilfe – deutlich weniger als die 2,4 Milliarden Euro monatlich im gleichen Zeitraum 2025. US-Militärhilfe wurde in diesem Zeitraum nicht verzeichnet.
Die Ukraine-Unterstützung sollte eines der Kernthemen beim NATO-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am 7. und 8. Juli sein. Ein NATO-Vertreter sagte Politico: „Es laufen Diskussionen darüber, wie wir die starke Unterstützung der Ukraine durch die NATO fortsetzen und eine gerechtere Lastenverteilung sicherstellen.“ Die ukrainische Botschafterin bei der NATO, Alona Hetmanschuk, forderte, neue Zusagen müssten sich auf die Prioritäten Kyjiws konzentrieren: Luftverteidigung, Investitionen in die Produktion von Drohnen und Raketen sowie Munition mit größerer Reichweite. „Solange die Ukraine keine wirksamen Sicherheitsgarantien erhält, können wir uns nur auf die finanziellen Garantien unserer Partner verlassen“, sagte sie.
Nachdem die Verbündeten im Vormonat den Vorschlag von NATO-Generalsekretär Mark Rutte abgelehnt hatten, 0,25 Prozent des BIP für die Ukraine-Hilfe bereitzustellen, prüften sie nun die deutsche Initiative. Drei Diplomaten zufolge befanden sich die Gespräche jedoch in einem frühen Stadium. Das Treffen der NATO-Verteidigungsminister später im Monat bot die Möglichkeit einer Einigung. Die neue Finanzzielgröße sollte nicht ausschließlich aus neuen Mitteln bestehen. Zwei NATO-Diplomaten zufolge sollten 30 Milliarden Euro aus dem bereits vereinbarten zweijährigen EU-Kredit für die Ukraine über 90 Milliarden Euro stammen, weitere 40 Milliarden Euro aus bilateralen Zusagen. Ein sechster hochrangiger NATO-Diplomat sagte: „Das ist natürlich, wenn man bedenkt, dass die meisten NATO-Verbündeten auch EU-Mitglieder sind. Es wäre unfair, von ihnen einen doppelten Beitrag zu verlangen.“
Es gab jedoch Befürchtungen, Länder könnten glauben, weniger eigene Beiträge leisten zu müssen, wenn sie auf EU-Mittel zählen können. Schwedens Außenministerin Maria Malmer Stenergard sagte Ende des Vormonats in einem Interview mit Politico: „Jetzt ist es wichtig, dass vor allem europäische Länder diesen Kredit über 90 Milliarden Euro nicht als Ersatz für bilaterale Unterstützung sehen. Die Hinzufügung bilateraler Unterstützung zu diesem Kredit ist absolut entscheidend.“
Deutschland als „Löwenanteil“-Unterstützer
Deutschlands Rolle bleibt zentral. Beim Besuch von NATO-Generalsekretär Rutte in Berlin am 10. September 2026 sagte Außenminister Johann Wadephul (CDU) auf der Botschafterkonferenz: „Wir dürfen uns keine Illusionen machen.“ Russland bedrohe die NATO nicht nur militärisch an der Ostflanke und setze seinen Krieg gegen die Ukraine fort. „Wir sehen immer mehr hybride Angriffe, Cyberangriffe, Aktivitäten, Sabotage, Desinformation und Angriffe auf kritische Infrastruktur.“ Ein stärkeres Europa mache auch die NATO stärker. „Am Ende geht es um glaubwürdige Abschreckung.“ Wadephul betonte, Deutschland übernehme gemeinsam mit Kanada den „Löwenanteil“ der militärischen Unterstützung. Die Ukraine brauche weiterhin Luftverteidigungsmöglichkeiten; erst in der vergangenen Woche habe Deutschland zusätzliche Patriot-Luftabwehrraketen zugesagt.
Rutte lobte die Reaktion Deutschlands auf den versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle Anfang August durch Russland. Moskau versuche, die NATO davon abzuhalten, die Ukraine zu unterstützen. Russlands Handeln sei ein Zeichen seiner Schwäche und ein Symptom seines Versagens in der Ukraine, so Rutte. Deutschland sei der stärkste Unterstützer der Ukraine. Zur Sicherung der NATO-Ostflanke hat Deutschland eine Panzerbrigade in Litauen stationiert. Bis Ende 2027 sollen dort 4.800 Soldaten sowie 200 zivile Mitarbeiter stationiert sein.
Für die Menschen in Deutschland bedeutet das: Die Bundesregierung bindet weiterhin erhebliche Mittel und Personal für die Ukraine-Unterstützung und die NATO-Ostflanke. Ob die geplante 70-Milliarden-Euro-Zusage zustande kommt, entscheidet sich nach den bisherigen Beratungen frühestens auf dem Gipfel in Ankara – ein genaues Datum nannten die Quellen nicht. Klar ist: PURL läuft, die Finanzierung darüber hinaus ist noch offen.



