Offiziell ist nichts. Und doch deutet vieles darauf hin, dass die Bundesregierung den Einstieg des chinesischen Staatskonzerns Cosco bei der Hamburger Spedition Konrad Zippel stoppt. Mit „Cosco darf nicht kaufen“ wäre die Lage zu glatt beschrieben: Eine Untersagung ist bislang weder verkündet noch bestätigt.
Cosco will 80 Prozent an Zippel übernehmen, einem Hamburger Unternehmen mit rund 350 Beschäftigten, das Container im Hinterland der Häfen Hamburg und Bremerhaven per Lkw, Bahn und Binnenschiff transportiert. Das Bundeskartellamt gab den Kauf am 20. Februar frei. Präsident Andreas Mundt erklärte, aus wettbewerblicher Sicht bestünden keine Bedenken: Cosco fahre zur See, Zippel an Land, beide seien keine direkten Konkurrenten. Sicherheitsfragen, betonte die Behörde, prüfe sie nicht.
Genau dort setzt das Bundeswirtschaftsministerium an. Es prüft den Erwerb nach Außenwirtschaftsgesetz und -verordnung; bei Investoren von außerhalb von EU und EWR kann das ab 25 Prozent der Stimmrechte greifen, in sicherheitsrelevanten Bereichen schon ab 10 oder 20 Prozent. Nach Recherchen des Handelsblatts, die Verkehrsrundschau am 29. September aufgriff, steuert die Regierung auf ein Nein zu. Das Industriemagazin berichtet, dass Wirtschafts-, Außen-, Verteidigungs-, Innen- und Finanzministerium gegen die Mehrheitsübernahme seien. Interne Unterlagen warnten demnach vor strategischen Abhängigkeiten, die in politischen Krisen gegen Deutschland genutzt werden könnten; schon im Frühjahr hatte der Verfassungsschutz Bedenken geäußert.
Warum ausgerechnet eine Spedition?
Weil Logistik mehr ist als Lastwagen. Wer die Wege vom Hafen ins Inland steuert, sieht Warenströme, Fahrpläne und Kundendaten. Der Verfassungsschutz warnte nach Medienberichten vor einer schleichenden Ausweitung chinesischen Einflusses in Europas Logistikketten, vor „kumulativen Erwerbsvorhaben“ entlang der Transportkette. Grünen-Abgeordnete hatten in einer Kleinen Anfrage nach dem Zugriff auf Transportinfrastruktur, sensible Datenströme und Logistikwege gefragt.
Cosco ist in Hamburg kein Unbekannter. Seit 2023 hält Cosco Shipping Ports 24,99 Prozent am Containerterminal Tollerort; ursprünglich war mehr geplant, nach der politischen Debatte blieb es bei einer Minderheitsbeteiligung. Ein Zippel-Kauf würde den Konzern vom Terminal bis in die Fläche bringen. Für die Befürworter einer Freigabe, die es in Wirtschaft und Hafenwirtschaft gibt, ist das ein normales Geschäft eines Reeders; für die Gegner genau das Szenario, vor dem Sicherheitsbehörden warnen.
Zippel bestätigte laut Verkehrsrundschau, die Entscheidung der Regierung zur Kenntnis genommen zu haben; der Geschäftsbetrieb laufe unverändert weiter, Cosco sei Antragsteller im Verfahren. Cosco wollte sich nicht äußern, das Ministerium kommentierte die Berichte nicht.
Der Ablauf bisher: Im Februar das Okay des Kartellamts, Ende April erste Berichte über Vorbehalte des Verfassungsschutzes, Ende September die Meldung über die Haltung der Regierung. Auffällig ist, dass die Prüfung seit mehr als einem halben Jahr läuft, ohne dass das Ministerium sich öffentlich geäußert hätte. Die Medien stützen sich auf Regierungskreise und interne Unterlagen; das erklärt, warum die Berichte im Konjunktiv bleiben müssen und wir sie ebenfalls so wiedergeben.
Was folgt daraus?
Unsere Einschätzung, mit mittlerer Sicherheit: Wenn fünf Ressorts gegen den Deal sind, ist eine Untersagung oder ein Rückzug des Antrags wahrscheinlicher als eine Freigabe mit Auflagen. Cosco könnte den Bescheid vor Gericht anfechten, der Ausgang wäre offen. Wichtiger als der Einzelfall ist das Signal: Berlin nimmt nach dem Streit um Tollerort das Zusammenspiel mehrerer Beteiligungen entlang einer Lieferkette ins Visier, nicht nur das einzelne Geschäft. Für Zippel bedeutet ein Nein vor allem Unsicherheit über den künftigen Eigentümer; die 350 Arbeitsplätze sind nach Firmenangaben vorerst nicht berührt. Ob das Ministerium seine Entscheidung offiziell begründet und veröffentlicht, ist offen.
Quellen: Verkehrsrundschau, Industriemagazin, trans.iNFO (Bundeskartellamt-Zitat)



