Russland und die Ukraine haben sich nach Angaben des Weißen Hauses auf eine zeitlich begrenzte Waffenruhe in der von russischen Truppen besetzten Stadt Oleschky in der Region Cherson verständigt. Vermittelt habe diese die US-Präsidentengattin Melania Trump, teilte das Weiße Haus mit, wie unter anderem der Kyiv Independent und Jewropejska Prawda am Freitag, 23. Oktober, berichten. Die örtliche Feuerpause solle am 29. Oktober 2026 in Kraft treten, schreibt die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine.
Nach Darstellung des Weißen Hauses wollen beide Seiten alle Kampfhandlungen in Oleschky vorübergehend einstellen, um humanitäre Hilfe in die Stadt zu bringen und die Evakuierung der Zivilbevölkerung über einen festgelegten sicheren Korridor vorzubereiten. Melania Trump habe in ihrer „formalen Rolle als exklusive Vermittlerin“ Gespräche mit beiden Ländern angestoßen und die Ziele der Vereinbarung, technische Verfahren, den Zeitplan sowie die Bedingungen abgestimmt, heißt es in der Mitteilung.
„Ohne mein Eingreifen wäre es unmöglich gewesen“
Die Situation in Oleschky sei „katastrophal“, wird die First Lady in der Erklärung zitiert. Die Stadt liege an der Frontlinie und stehe „am Rand einer Katastrophe“. Die verbliebene Bevölkerung bestehe überwiegend aus älteren Menschen, die dringend medizinische Hilfe, Medikamente, Nahrung und sauberes Wasser benötigten. „Es war völlig klar, dass es ohne mein Eingreifen unmöglich gewesen wäre, humanitäre Hilfe in die Stadt zu bringen und die alten Menschen zu evakuieren“, sagte Melania Trump laut Interfax-Ukraine.
Zivilen, nicht militärischen Vertretern beider Länder zufolge sollen diese gemeinsam die Bewohner in ihren Häusern besuchen und den Hilfsbedarf ermitteln. Wer evakuiert werden wolle, erhalte koordinierte Unterstützung und Transport an den selbst gewählten Zielort. „Ich gehe davon aus, dass einige nach Russland und einige in die Ukraine wollen“, so die First Lady. Eine unabhängige amerikanische Medienorganisation solle die Arbeit der russischen und ukrainischen Teams vor Ort begleiten und dokumentieren.
Auslöser war nach ihren Angaben ein privates Gespräch bei ihrer Veranstaltung „Gemeinsam die Zukunft bauen“ in New York am Rande der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen. Sie und ihr Vertreter hätten sofort den Kommunikationskanal genutzt, den sie bei früheren sechs Fällen der Zusammenführung von 34 Kindern mit Russland und der Ukraine aufgebaut hätten. Beide Länder hätten umgehend Gruppen benannt, um die komplizierten organisatorischen Fragen einschließlich der Minenräumung zu koordinieren. Seither arbeiteten alle Seiten rund um die Uhr.
Kiews Seite verweist auf den Menschenrechtsbeauftragten
Der Kommunikationsberater des ukrainischen Präsidenten, Dmytro Lytwyn, verwies auf Anfrage zum Stand der Vereinbarung auf den Menschenrechtsbeauftragten der Werchowna Rada, Dmytro Lubinez. „Von ukrainischer Seite führt Herr Lubinez das Thema Oleschky, und es ist korrekter, dass er es kommentiert, denn das Thema ist sensibel und alles muss genau so sein, wie es mit Herrn Lubinez abgestimmt wurde“, sagte Lytwyn laut Jewropejska Prawda. Der Kyiv Independent berichtet, weder Russland noch die Ukraine hätten sich bis zur Veröffentlichung zu der Waffenruhe geäußert; die ukrainischen Behörden hätten auf eine Anfrage zunächst nicht reagiert.
Oleschky liegt am linken Ufer des Dnipro gegenüber der Stadt Cherson. Nach Darstellung des Kyiv Independent ist die Stadt von russischen Kräften faktisch blockiert, die humanitäre Hilfe an der Einfahrt hindern; Zivilisten, die über die einzigen Zu- und Abfahrtsstraßen zu fliehen versuchten, würden häufig von Drohnen angegriffen. Nach Angaben ukrainischer Stellen hält Russland dort etwa 2.000 Menschen fest.
Skepsis bei Helfern, Vorgeschichte im Vatikan
Der Koordinator der Hilfsorganisation Humanity, Stefan Woronzow, äußerte gegenüber dem Kyiv Independent Hoffnung, aber auch Zweifel. „Ich hoffe wie wir alle, dass Menschen gerettet werden, möglichst alle, die es wollen, und nicht nur die, die Zeit haben. Aber ich befürchte Provokationen, Erpressung, eine Route über die Russische Föderation, mit der viele nicht einverstanden sein werden, und PR für diejenigen, die herauskommen“, sagte er. „Wenn Gott will, können wir einen Präzedenzfall schaffen, in dem Russland zugibt, was es in den besetzten Gebieten getan hat, und wir die erste offizielle Evakuierung von dort organisieren können – vielleicht können wir es dann auch für die anderen.“
Die humanitäre Lage in Oleschky hatte zuletzt international Aufmerksamkeit erzeugt. Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Pina Picierno, trat nach Angaben von Jewropejska Prawda aus Protest in einen Hungerstreik. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte am 28. September, die EU versuche, humanitäre Hilfe in die besetzte Stadt zu bringen. Papst Leo XIV. forderte in einem Telefonat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Freitag voriger Woche eine humanitäre Waffenruhe für die abgeriegelte Stadt und sprach am Montag, 19. Oktober, auch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, wie die Presse am 19. Oktober unter Berufung auf den Vatikan meldete.
Der Kyiv Independent weist darauf hin, dass im Verlauf des Krieges mehrfach lokale und zeitlich begrenzte Waffenruhen angekündigt wurden, deren Umsetzung vor Ort jedoch bestenfalls lückenhaft war. Auch US-Präsident Donald Trump hatte am 13. Oktober einseitig eine „Energie-Waffenruhe“ zwischen Russland und der Ukraine verkündet, die sich in der Praxis bald als nicht existent erwies.
Anmerkung der Redaktion: Ob die Waffenruhe tatsächlich umgesetzt wird, lässt sich anhand der vorliegenden Quellen nicht beurteilen. Die Zuschreibung der Vermittlung stammt allein aus der Mitteilung des Weißen Hauses.



