Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtet, hat das Team um Silvia Würstle am Schwerpunkt Infektiologie der Frankfurter Universitätsmedizin Viren gefunden, die multiresistente Bakterien gezielt angreifen. Bei den eingesetzten Bakteriophagen (kurz Phagen) handelt es sich um Viren, die ausschließlich Bakterien als Wirte nutzen und diese bei der Vermehrung töten können. Phagen gelten als möglicher Behandlungsansatz für Infektionen, bei denen herkömmliche Antibiotika an ihre Grenzen stoßen.
Im Rahmen der nun erlaubten Anwendungen wurde ein sogenannter Breitspektrum-Phage identifiziert, der mehrere Stämme einer Bakterienart erkennen und befallen kann. Beim „Matching“, dem Abgleich zwischen Phage und dem Bakterienstamm eines Patienten, ergab sich laut FAZ ein Treffer bei einer Patientin, die seit ihrer Kindheit mit dem Krankenhauskeim Pseudomonas aeruginosa kolonisiert ist. Die Patientin, bei der Antibiotika den Keim nur noch hemmen, aber nicht beseitigen können, erhielt eine kombinierte Behandlung: mehrmals täglich inhalierte Phagenlösungen sowie gleichzeitige Antibiotikatherapie, um den Erreger aus mehreren Richtungen anzugreifen.
Den FAZ-Angaben zufolge wurde der passende Breitspektrum-Phage in Proben des Mains gefunden. Doktorand tropfte Mainwasser auf Petrischalen mit kultivierten Pseudomonaden; nach Angaben von Würstle war dort ein phagentypisches Muster in Form von Löchern im Bakterienrasen sichtbar. In wochenlanger Arbeit wurde der Phage aus dem Wasser isoliert und für die Behandlung vorbereitet.
Während der stationären Behandlung berichtete die Patientin von starken Kopfschmerzen und leichtem Fieber am Abend des zweiten Tages; ansonsten seien keine weiteren akuten Beschwerden aufgetreten. Außerdem konnte Sekret aus dem unteren Lungenbereich abgehustet werden, und leicht erhöhte Leberwerte deuteten nach Angaben der FAZ darauf hin, dass vermehrt Bakterien abgebaut worden seien. Ob der Keim dauerhaft eingedämmt wurde oder weitere Therapien nötig sind, soll sich bei der Nachbesprechung in den folgenden Wochen zeigen.
Würstle berichtet zufrieden von den kurzfristigen Effekten bei der behandelten Patientin, dämpft zugleich jedoch die Erwartungen: Nicht für jeden resistenten Keim lasse sich ein passender Phage finden, die Suche sei aufwendig und die Herstellung derzeit teuer. Vor unkontrolliertem Selbsteinsatz wird ausdrücklich gewarnt. Kommerzielle Anbieter würden Phagencocktails anbieten, mit der Annahme, dass sich darunter ein wirksamer Phage befinde; solche Mischungen hätten aber teils fragwürdige Ergebnisse gezeigt. So habe ein Einsatz bei einigen Patienten zu einer sehr raschen Zerstörung vieler Bakterien geführt, wodurch große Mengen an Zellresten abtransportiert werden mussten; in Einzelfällen habe dies zu starker Schleimbildung und Atemnot geführt, berichtet Würstle.
Nach Angaben der FAZ handelt es sich bei dem Verfahren in Frankfurt um einen frühen klinischen Einsatz von Phagen in Deutschland. Die Forschenden betonen, dass Phagentherapien in bestimmten Situationen eine ergänzende Option zu Antibiotika bieten können, jedoch nicht als allgemeines Wundermittel zu verstehen seien.
Quelle: www.faz.net



