Der ukrainische Bohdan Vitvitsky hat in einem Meinungsbeitrag für die Kyiv Post die jüngsten historischen Streitigkeiten zwischen Polen und der Ukraine scharf kritisiert. Auslöser der Kontroverse war die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, per Dekret die Namenswahl einer ukrainischen Militäreinheit zu bestätigen, die sich nach den Kämpfern der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) aus dem Zweiten Weltkrieg benannt hatte. Der polnische Präsident Karol Nawrocki hatte daraufhin Kritik geübt.
Stimmen der Vernunft
Vitvitsky hebt in seinem Text zwei „Stimmen der Vernunft“ hervor: den Oxforder Historiker Norman Davies und den polnischen Premierminister Donald Tusk. Davies, ein ausgewiesener Kenner der polnischen Geschichte, warnte in einem Interview mit dem polnischen Portal Wiadomosci Onet davor, dass Polen vorsichtiger mit seinen Äußerungen über die Ukraine und deren Geschichte umgehen müsse. Selenskyjs Entscheidung habe nichts mit Wolhynien zu tun, so Davies. Die heutige Wertschätzung der UPA in der Ukraine gründe sich auf deren jahrzehntelangen Kampf gegen die sowjetische und deutsche Besatzung. 90 Prozent der UPA-Mitglieder hätten nichts mit Wolhynien zu tun gehabt.
Donald Tusk erklärte in einer öffentlichen Stellungnahme, dass Versuche, historische Ressentiments gegen die Ukraine wiederzubeleben, „mit dem Feuer spielen“ bedeuteten. Jede Rakete oder Drohne, die die Ukraine erfolgreich zur Zerstörung russischer Waffen einsetze, mache Polen sicherer. Die Hilfe für die Ukraine liege daher im nationalen Sicherheitsinteresse Polens.
Russische Propaganda als Nutznießer
Vitvitsky argumentiert, dass die Kontroverse der russischen Propaganda einen willkommenen Vorwand liefere. Ausgerechnet in dem Moment, in dem sich die Ukraine im fünften Jahr des Krieges mit Russland befinde, griffen polnische Amtsträger die Ukraine an. Der Historiker Davies habe diese Haltung als „Torheit“ bezeichnet. Vitvitsky verweist zudem auf einen Brief des PiS-Vorsitzenden Jarosław Kaczyński, in dem dieser ankündigte, eine künftige PiS-Regierung werde die EU-Mitgliedschaft der Ukraine blockieren, solange Kyiv den angeblichen „Bandera-Kult“ und die „Verherrlichung“ der UPA nicht aufgebe.
Der Kommentator kritisiert auch das Europäische Parlament, das bereits 2010 in einer Resolution die posthume Verleihung des Titels „Nationalheld der Ukraine“ an Stepan Bandera verurteilt hatte. Vitvitsky bezeichnet diese Resolution als historisch ungebildet: Bandera sei während des Massakers von Wolhynien 1943 im deutschen Konzentrationslager Sachsenhausen interniert gewesen und habe keine Anweisungen an die UPA geben können. Die Behauptung einer Kollaboration der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) mit Nazi-Deutschland sei ebenfalls irreführend, da unterdrückte Völker oft auf fremde Hilfe angewiesen seien, um sich aus der Fremdherrschaft zu befreien.
Vitvitsky fordert eine differenzierte Betrachtung der Geschichte und warnt davor, die gemeinsamen Sicherheitsinteressen Polens und der Ukraine durch kurzsichtige historische Debatten zu gefährden.
Quelle: www.kyivpost.com



