Die Klosterkirche San Sisto in Piacenza verlor 1754 ihr wertvollstes Stück: Raffaels Altarbild „Sixtinische Madonna“, gemalt 1513 eigens für diesen Ort. Die Mönche verkauften das Meisterwerk an August III. von Sachsen, der es nach Dresden holte. Seither hängt am Hochaltar eine Kopie, während das Original mit seinen pausbäckigen Putten die Massen in Dresden bezaubert.
Doch wer San Sisto heute besucht, findet keinen leeren, traurigen Raum. Schon im Vorhof dringen Kinderrufe aus dem Klostergarten – als hätten sich Raffaels Engel selbstständig gemacht. Im linken Arkadengang ist die Madonna noch einmal an die Wand gemalt, und unter den Blicken ihrer spielenden Putten toben Zehnjährige beim Tischfußball und Tischtennis. Die Stimmung erinnert an ein Kindheitsparadies.
Im Inneren der Kirche ist es still, aber auch dort kann man sich vor Engelsdarstellungen kaum retten. Der Raum ist ein regelrechter Spielplatz himmlischer Heerscharen: Das barocke Lesepult wird von muskulösen Putten gestützt, und in der ersten Kapelle rechts neben der Apsis sind auf Fresken weitere geflügelte Knaben zu sehen – einer hat sich so in einem Vorhang verfangen, dass nur noch hilflos strampelnde Beinchen hervorschauen.
Der Kinderreichtum hat einen lokalen Grund: Zu den Reliquien von San Sisto gehören nicht nur die des Namensgebers Sixtus, eines frühen Märtyrerpapstes, sondern auch die Überreste von vier Opfern des bethlehemitischen Kindermords. Die Omnipräsenz von Engeln ist also theologisches Programm – und Raffaels Geniestreich mit den Putten war profane Auftragsarbeit.
Der Verlust des Originals wiegt für Piacenza angesichts des Verbliebenen nicht schwer. Was sind andächtige Touristenscharen gegen die lebendige Nutzung einer Kirche? Was zwei Engelchen gegen eine ganze Truppe – geschweige denn gegen real jubilierende Kinder im Hof? Das Herz geht einem auf.
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