Tony Blair, der Labour von 1997 bis 2007 als Premierminister regierte, hat sich überraschend in den laufenden Führungswahlkampf der Partei eingeschaltet. In einem am Dienstagabend auf der Website seiner Denkfabrik veröffentlichten Essay wirft der 72-Jährige den Spitzenkandidaten vor, die politische Mitte zu verlassen und damit die nächste Wahl zu riskieren. Blair spricht von einer „beinahe unendlichen Fähigkeit zur Selbsttäuschung“ innerhalb der Partei.
Blair schreibt, Labour habe die Wahl 2024 nur gewonnen, weil die Partei „eine akzeptable Alternative“ gewesen sei – nicht, weil die Wähler das Manifest mochten. „Ich glaube nicht, dass Labour die letzte Wahl gewonnen hat, weil die Leute das Manifest gelesen und gesagt haben: „Das ist es, was wir wollen““, zitiert der Guardian aus dem Essay. „Die Leute dachten, die Konservativen hätten sich völlig inakzeptabel verhalten, und zu Keir Starmers großem Verdienst war die Labour-Partei eine akzeptable Alternative.“
Der Vorstoß kommt inmitten eines Führungswahlkampfs, den Beobachter als „Scheinkrieg“ bezeichnen. Der formelle Wettbewerb hat noch nicht begonnen, doch Andy Burnham und Wes Streeting sind bereits aktiv, Angela Rayner zeigt Interesse, und Keir Starmer verteidigt sein Erbe. Blair selbst steht nicht zur Wahl, will aber mit seinem Essay die inhaltliche Richtung der Partei beeinflussen.
Kritiker innerhalb der Labour-Partei dürften Blairs Aufruf zu einer „radikalen Mitte“ jedoch als vage und bedeutungslos abtun, wie der Guardian unter Berufung auf Parteikreise berichtet. Auffällig ist, dass viele von Blairs Argumenten auch von der konservativen Kemi Badenoch stammen könnten – eine Ironie, die in Westminster für Gesprächsstoff sorgt.
Quelle: www.theguardian.com



