Die ukrainische Soziologin Jewhenija Blisnjuk, Gründerin und Geschäftsführerin von Gradus, zeichnet in einem Gastbeitrag für Ukrainska Pravda ein nüchternes Bild: Die Rückkehrbereitschaft der ukrainischen Kriegsflüchtlinge schwindet mit jedem Jahr im Exil. Die dritte Welle der Gradus-Studie zu Rückkehrfaktoren zeigt, dass die Entscheidung immer weniger von der Lage in der Ukraine abhängt, sondern zunehmend von den Bedingungen in den Aufnahmeländern.
Sicherheit verliert an Bedeutung
Während zu Kriegsbeginn die Sicherheit das dominierende Motiv für den Verbleib im Ausland war, verschieben sich die Prioritäten. Die Befragten nennen heute vor allem pragmatische Gründe: einen gesicherten Lebensstandard, stabile Arbeitsplätze und die Integration der Kinder in lokale Schulen und Kitas. Emotionale Motive wie der Wunsch, bei der Familie zu sein oder am Wiederaufbau der Ukraine mitzuwirken, treiben dagegen den Rückkehrwillen an.
53 Prozent der ukrainischen Migranten geben an, weiterhin eine Rückkehr zu planen. Doch ein erheblicher Teil dieser Gruppe kann nicht sagen, wann dies geschehen soll. Zum ersten Mal wird die Migrationspolitik der Gastländer zu einem entscheidenden Faktor: Verlängerungen des temporären Schutzstatus oder erleichterte Legalisierungsverfahren beeinflussen die Rückkehrbereitschaft direkt.
Wettbewerb um die eigenen Bürger
Blisnjuk argumentiert, dass die Ukraine in eine neue Phase des Wettbewerbs um ihre eigenen Bürger eintrete. Es gehe nicht mehr allein um Sicherheit, sondern um Lebensbedingungen. Die reine Hoffnung auf ein Kriegsende reiche nicht mehr aus, um Menschen zur Rückkehr zu bewegen. Die Politik müsse sich von der reinen Rückkehrfrage lösen und stattdessen eine transnationale ukrainische Gemeinschaft fördern, die den Kontakt zur Heimat auch aus der Ferne aufrechterhält.
Die Soziologin warnt davor, bei den Geflüchteten Schuldgefühle zu wecken. Stattdessen brauche es institutionelle Mechanismen, die es den Ukrainern im Ausland ermöglichen, Teil des ukrainischen Raums zu bleiben – unabhängig von ihrem Wohnort. Der Verlust der physischen Anwesenheit sei eine ernste Herausforderung, doch der Verlust der Bindung an die Ukraine hätte weit schwerwiegendere Folgen für die demografische, wirtschaftliche und kulturelle Zukunft des Landes.
Quelle: www.pravda.com.ua



