Ein Frachter mit überwiegend ukrainischer Besatzung ist im Schwarzen Meer nach einem Drohnentreffer gesunken. Nach Angaben der rumänischen Behörden kam ein Seemann ums Leben, drei weitere werden vermisst, neun wurden gerettet (Stand: Freitagnachmittag, 23. Oktober). Die Ukraine bestätigte, dass der Tote ein ukrainischer Staatsbürger ist.
Die „Khoryv“ war auf dem Weg vom türkischen Ereğli ins rumänische Sulina und hatte Eisenmetalle geladen. Gegen 10 Uhr ging bei der rumänischen Seebehörde in Konstanza der Notruf ein: Das Schiff sei von einer Drohne getroffen worden. Es lag etwa 13 Seemeilen, rund 24 Kilometer, vor der Küste – knapp außerhalb der 12-Meilen-Zone der rumänischen Hoheitsgewässer. An Bord waren nach rumänischen Angaben 13 Menschen: zehn Ukrainer und drei Aserbaidschaner. Ein Black-Hawk-Hubschrauber konnte wegen starken Regens nicht starten, Rettungsboote der Seenotrettung und des Innenministeriums holten die Überlebenden aus dem Wasser.
Die Angaben weichen in Details voneinander ab. Die ukrainische Agentur Ukrinform nennt unter Berufung auf das Außenministerium in Kyjiw 14 Besatzungsmitglieder und eine Flagge der Kaimaninseln, vier verletzte Ukrainer – darunter der Kapitän – seien in ein Krankenhaus gebracht worden. Rumänische und andere Medien sprechen von der Flagge der Komoren und von 13 Seeleuten. Wir folgen den Angaben der rumänischen Seebehörde, die Zahlen können sich noch ändern.
Rumäniens Präsident Nicușor Dan machte Russland verantwortlich und sprach von einem Teil der Eskalation des russischen Krieges gegen die Ukraine. Ohne den Einsatz der Retter wäre die Zahl der Opfer „viel höher“ gewesen. Außenminister Dan Neculăescu nannte den Angriff einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht und die Freiheit der Schifffahrt. Eine Stellungnahme aus Moskau lag bis Redaktionsschluss nicht vor; die Herkunft der Drohne ist unabhängig nicht belegt, die rumänische Regierung geht aber von einem russischen Angriff aus.
Der Fall reiht sich in eine Serie. Schon Anfang Oktober waren zwei Handelsschiffe nahe rumänischen Gewässern getroffen worden. Am 20. Oktober beriet der Nordatlantikrat auf Antrag Rumäniens und Bulgariens über den Schutz der Handelsschifffahrt; die Nato kündigte zusätzliche Seeaufklärer, Radar und Drohnen für das Schwarze Meer an. Das Europäische Parlament regte an, einen Marineeinsatz zu prüfen. Das ukrainische Nachrichtenportal UNN zählt in den vergangenen zwei Wochen mindestens sieben getroffene Frachter und rund 30 getötete oder vermisste Seeleute – diese Zahl haben wir nicht unabhängig überprüft.
Was folgt daraus? Unsere Einschätzung, mit der gebotenen Vorsicht: Dass der Treffer knapp außerhalb der Hoheitsgewässer lag, macht einen Nato-Bündnisfall unwahrscheinlich und erklärt, warum Bukarest bislang auf Überwachung und Abschreckung setzt statt auf Konfrontation. Wahrscheinlicher sind mehr Patrouillen, höhere Versicherungsprämien für Schiffe im Westteil des Schwarzen Meeres und ein wachsender Druck auf Moskau über diplomatische Kanäle. Sollte künftig ein Schiff innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone getroffen werden, würde die Lage dagegen deutlich ernster.
Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland ist der Fall auch persönlich: Die Besatzungen der Schwarzmeer-Schiffe stammen oft aus ukrainischen Hafenstädten. Informationen zu den Betroffenen bündelt das ukrainische Außenministerium über die Botschaft in Bukarest.
Quellen: Ukrinform, Romania Insider, Sofia Globe, UNN, Militarnyi



