Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat drei mögliche Sicherheitsmodelle für die Zeit nach dem Krieg skizziert: eine Nato-Mitgliedschaft, bilaterale Garantien der USA oder eine von Europa geführte Koalition von mehr als 30 Staaten mit amerikanischer Unterstützung. Das sagte er in einem ausführlichen Interview mit der Moderatorin Alla Mazur für den ukrainischen Fernsehsender TSN, wie die Kyiv Post am Dienstag berichtete. Am Sonntag hatte Selenskyj die Gespräche bereits angekündigt.
Die Nato-Mitgliedschaft bleibe seine bevorzugte Option, sagte Selenskyj. Sollte ein Beitritt nicht möglich sein, könnten direkte US-Garantien einen Kompromiss darstellen. Entscheidend sei, was Washington konkret zusage. „Was sind die USA bereit zu tun? In welcher Zahl? Luft- oder Bodenoperationen, wenn die Ukraine schnell verteidigt werden muss?“, fragte Selenskyj. Die Details müssten in einer verbindlichen Vereinbarung festgeschrieben werden und dürften nicht bloß politische Zusagen zwischen Präsidenten bleiben. „Der Kongress muss für die Sicherheitsgarantien stimmen“, sagte er und lehnte eine Regelung nach dem Vorbild des Budapester Memorandums ab, das Russlands Angriff auf die Ukraine nicht verhindert habe.
Was Selenskyj ausschließt – und was er offenlässt
Offen blieben nach seinen Worten zentrale Fragen: ob US-Truppen oder militärische Einrichtungen in der Ukraine stationiert werden könnten und wie Washington auf einen erneuten russischen Angriff reagieren würde. Dieselbe Unsicherheit gelte für eine europäische Militärpräsenz, die Moskau wiederholt abgelehnt habe.
Russische Bedingungen wies der Präsident zurück. „Wir tauschen nichts gegen irgendetwas. Wir sind bereit für Gespräche“, sagte er. Eine Begrenzung der ukrainischen Armee und ein neutraler Status der Ukraine stünden „nicht zur Diskussion“, sagte Selenskyj auch der Berliner Zeitung zufolge, die über das Interview berichtet. Über Territorien könnten ausschließlich die Staats- und Regierungschefs sprechen, technische Delegationen andere Fragen eines Abkommens. Zur Größe des Militärs sagte er: „Wenn ich genug Geld habe, will ich eine Armee von 800.000 halten.“ Über deren Umfang werde er weder mit Russland noch mit den USA verhandeln.
Nach seinen Angaben hatten US-Unterhändler nach Gesprächen in Oslo am 20. Oktober mehrere Vorschläge vorgelegt, die der US-Sondergesandte Steve Witkoff anschließend in St. Petersburg dem russischen Präsidenten Wladimir Putin übergab. Es handele sich nicht um einen fertigen Friedensplan, der Putin zur Zustimmung vorgelegt worden sei, betonte Selenskyj. „Russland entscheidet nicht.“
Dreiergespräche im November, Energie-Waffenruhe gefordert
Laut Selenskyj haben die USA Kyjiw informiert, Putin habe grundsätzlich Dreiergesprächen mit der Ukraine und den USA im November zugestimmt. Abu Dhabi sei im Gespräch, möglich seien auch andere Orte im Nahen Osten oder in Europa. Der Kreml hatte nach Angaben der Berliner Zeitung am Freitag erklärt, für die erste Novemberhälfte seien direkte Gespräche russischer und ukrainischer Unterhändler unter US-Vermittlung in Abu Dhabi geplant. Ein Gipfel zwischen Selenskyj, Putin und US-Präsident Donald Trump ist bislang nicht vereinbart.
Kyjiw will europäische Vertreter beteiligen und hofft, dass technische Gespräche ein Treffen der Staatschefs vorbereiten. Als erreichbare Ergebnisse nannte Selenskyj eine Waffenruhe für Angriffe auf die Energieversorgung, Sicherheit für Getreidetransporte im Schwarzen Meer und weitere Gefangenenaustausche. 270 ukrainische Gefangene seien zurückgekehrt; ein umfassender Austausch aller gegen alle erfordere Verhandlungen auf höchster Ebene. Zugleich warnte er davor, Sanktionen gegen Russland vorzeitig aufzuheben. Moskau lehnt eine Feuerpause vor einer umfassenden Einigung ab und argumentiert, Kyjiw könne die Zeit zur Wiederbewaffnung nutzen.
Fortschritte meldete Selenskyj bei drei akuten Streitpunkten mit Washington. Die Weitergabe von US-Aufklärungsdaten zu russischen ballistischen Raketenstarts sei vollständig wiederhergestellt, ebenso die Satellitenkapazitäten von Starlink und Starshield. Bei nächtlichen Prüfungen mit Verteidigungsvertretern habe der Dienst wieder Geschwindigkeiten von 420 Kilometern pro Stunde erreicht. Der Mangel an Flugabwehrwaffen bleibe dagegen ungelöst.
Die Ukraine hatte zuletzt Verbindungsabbrüche bei an Starshield angeschlossenen Drohnen bei bestimmten Geschwindigkeiten gemeldet. Am Samstag erklärte Innenminister Jewhenij Chmara laut Welt, die Geschwindigkeitsbeschränkungen seien aufgehoben worden, die Verbindungen seien auch bei mehr als 400 Kilometern pro Stunde stabil. Wer die Einschränkungen angeordnet hatte, bleibt unklar. US-Präsident Trump erklärte, er habe die Entscheidung nicht getroffen; SpaceX-Gründer Elon Musk sagt, über den Einsatz von Starshield entscheide die US-Regierung. Musk hatte der Ukraine vorgeworfen, Starlink „für offensive Drohnenangriffe eingesetzt“ zu haben. Der Selenskyj-Berater Serhij Beskrestnow widersprach: Die seit Langem geltenden Beschränkungen für die zivile Version schlössen einen Einsatz für Offensivangriffe aus. Dass Musk davon nichts wisse, sei seltsam.
Unterdessen gingen die Kämpfe weiter. In der Nacht zum Montag wurden nach ukrainischen Behördenangaben vier Menschen in Saporischschja und zwei weitere im Gebiet Tschernihiw verletzt, wie Reuters berichtet. Das russische Verteidigungsministerium meldete Angriffe auf ukrainische Energie- und Hafenanlagen. Aus dem russischen Gebiet Belgorod meldeten die örtlichen Behörden am Sonntag vier Tote und 14 Verletzte durch zwei ukrainische Drohnenangriffe.
Einschätzung der Redaktion: Selenskyjs Auftritt ist ein Versuch, vor den Novembergesprächen die eigene Verhandlungsbasis abzustecken – mit maximalen Forderungen bei Sicherheitsgarantien und Armeegröße, aber Gesprächsbereitschaft bei Energie, Schifffahrt und Gefangenenaustausch. Ob Washington Kongressbindung und Truppenfragen tatsächlich zusagt, ist damit die entscheidende offene Frage.



