Die ehemalige polnische Journalistin Anna Magdalena Wielopolska, promovierte Politikwissenschaftlerin an der London School of Economics, hat in einem Meinungsbeitrag für die Kyiv Post zu einer ehrlichen Versöhnung zwischen Polen und Ukrainern aufgerufen. Sie argumentiert, beide Nationen müssten ihre schwierige gemeinsame Geschichte mit Offenheit betrachten, ohne sich von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine auseinandertreiben zu lassen.
Historische Wunden und die Gefahr des Nationalismus
Wielopolska erinnert an den Brief der polnischen katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen vom 18. November 1965, in dem es hieß: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Dieser Schritt legte den Grundstein für die spätere deutsch-polnische Aussöhnung. Heute, so die Autorin, brauchten Polen und Ukrainer keine formelle Versöhnung, wohl aber die Bereitschaft, einander zu vergeben. Sie warnt davor, dass Patriotismus in Nationalismus umschlagen könne – wenn die Verteidigung der eigenen Nation auf Kosten einer anderen gehe.
Die Autorin, deren eigene Familie im Zweiten Weltkrieg durch Deutsche, Sowjets und in Wolhynien getötet wurde, plädiert für intellektuelle Redlichkeit. Man müsse verstehen, warum viele Ukrainer zu Beginn des Zweiten Weltkriegs den Polen nicht wohlgesonnen waren – etwa wegen der Befriedungsaktionen von Marschall Józef Piłsudski in Ostgalizien. Dieses Verständnis bedeute nicht, die eigene historische Erinnerung aufzugeben.
Russland als Gegenbild
Wielopolska stellt Russland als das Gegenbild einer reifen Nation dar: Es weigere sich, Verantwortung für die Verbrechen seines Imperiums und seines sowjetischen Erbes zu übernehmen, glorifiziere Eroberung statt Reflexion und nutze historische Opfernarrative als politisches Werkzeug. „Poles and Ukrainians have every reason to remember history. But we have even greater reasons to forgive each other“, schreibt sie. Die polnisch-deutsche Aussöhnung habe den Weg gezeigt – aufgebaut auf Wahrheit, Erinnerung, Mut und Vergebung.
Die Autorin kritisiert scharf die Aberkennung des höchsten polnischen Ordens für Präsident Wolodymyr Selenskyj als „schändlich“ und „eine Schande“, besonders in einer Zeit, in der er das Land im Kampf gegen den gemeinsamen Feind führe. Sie appelliert an beide Nationen, sich nicht von zwei Nationalismen auseinandertreiben zu lassen, sondern den Mut zu finden, zueinander zu sagen: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“
Quelle: www.kyivpost.com



