Sebastian Eder, Redakteur im Ressort „Gesellschaft & Stil“, schreibt in seiner Kolumne über eine besondere Beziehung zum Fußball. Er liebt es, ins Stadion zu gehen, vor allem zum SV Darmstadt 98 am Böllenfalltor. Die „Sportschau“ erweckt in ihm ein Gefühl von Heimat – ein Erbe seines Vaters, der Fußballreporter war.
Doch beim Spiel selbst hapert es: Eder kann sich nichts über das Ergebnis hinaus merken. Spielernamen, Taktiken wie Viererkette oder Fünferkette – alles entgleitet ihm. „Ich habe einfach kein Fußball-Gehirn“, schreibt er. Allein vor dem Fernseher erträgt er die Langeweile kaum, es sei denn, es läuft ein Jahrhundertspiel.
Seine Stadion-Erinnerungen sind dagegen umso lebendiger. Als Kind wurde er von der Legende „Kutten-Kalli“ zum Fahnenwächter im F-Block ernannt – eine ernste Aufgabe, deren Sinn ihm nie erklärt wurde. Jahre später sah er, wie Frankfurter Fans geklaute Darmstadt-Fahnen anzündeten. Einmal schlug ihm ein gleichaltriger Fan grundlos die Faust in den Magen; heute grüßen sie sich im Stadion.
Der Kontrast zwischen Langeweile und Leidenschaft wurde für Eder beim Pokalfinale 2024 zwischen Bayer Leverkusen und dem 1. FC Kaiserslautern deutlich. Zehntausende Pfälzer reisten nach Berlin, sangen, zeigten eine beeindruckende Choreografie – und dann begann das langweiligste Spiel, das Eder je gesehen hat. Lautern verlor. „Für viele Väter und Söhne aus der Pfalz war es trotzdem wahrscheinlich der Ausflug ihres Lebens“, schreibt er.
Eder nennt sein Verhältnis zum Fußball „Comfort Binge“ – wie das immer wieder Anschauen alter Serien, weil man sich in der vertrauten Welt wohlfühlt. Er kann keine Spiele von 1997 nacherzählen, aber unzählige Erinnerungen, die mit Fußball verbunden sind. Etwa die Begegnung mit einer Horde gewaltbereiter Gästefans am Waldrand, die hinter einer Polizeikette standen. Einer rief: „Geht mal pumpen, ihr Fotzen.“ Gegen wen Darmstadt spielte? Keine Ahnung. Aber Eder weiß noch, wie er lachend weiterzog.
Quelle: www.faz.net



