So., 14 Juni 2026 Kyjiw 22:04Berlin 21:04London 20:04 UKR / DE / EN

John Cassidy: Der Kapitalismus kann reformiert werden

Der Wirtschaftsjournalist John Cassidy hat ein Buch über 250 Jahre Kapitalismuskritik geschrieben. Sein Fazit: Der Kapitalismus ist reformierbar – unter einer Bedingung.

John Cassidy: Der Kapitalismus kann reformiert werden
Bild: sueddeutsche.de

Der Wirtschaftsjournalist John Cassidy, bekannt durch seine Arbeit beim „The New Yorker“, hat fast neun Jahre an einem Buch gearbeitet, das nun unter dem Titel „Der Kapitalismus und seine Kritiker“ erschienen ist. Auslöser war der Präsidentschaftswahlkampf 2016 in den USA, als Bernie Sanders um die Kandidatur der Demokraten kämpfte. Sanders’ Kampagne brachte Cassidy auf die Idee, den Kapitalismus konsequent aus der Perspektive seiner Kritiker zu betrachten – über 250 Jahre ökonomische Ideengeschichte hinweg.

Cassidy beschreibt, wie die Reichen und Superreichen die Politik gekapert haben und Politik allein im Interesse ihrer eigenen Gier machen. Er fragt: Ist es zwangsläufig, dass die Profiteure des Kapitalismus auch die Demokratie kapern und eine Oligarchie errichten? Steckt das in den Grundgesetzen des Kapitalismus? Ökonomen stellen sich diese Frage nicht, sie glauben, mit Formeln und Kurven die Konjunkturen beschreiben zu können. Doch trotz ihrer Beratung von Thinktanks und Regierungen rollt eine Krise nach der anderen heran.

Die Folgen eines entfesselten Kapitalismus zeigen sich weltweit: Die Kluft zwischen Arm und Reich geht dramatisch auseinander, Ressourcen werden geplündert, Lebensgrundlagen zerstört. Der viel beschworene Markt richtet es nicht. Gleichzeitig gibt es keine andere Wirtschaftsordnung, die so viel Wohlstand produzieren kann. Der Kapitalismus hat seit seinen Anfängen in England nicht nur die Technik revolutioniert, sondern auch die finanzielle Basis für moderne Sozialstaaten geschaffen.

Cassidy porträtiert in seinem Buch zahlreiche kritische Wirtschaftswissenschaftler, die an Marx und Engels anknüpfen, aber zu eigenen Schlussfolgerungen kommen. Er selbst kommt zu einem optimistischen Fazit: Der Kapitalismus kann reformiert werden – wenn die Gesellschaft bereit ist, die richtigen politischen Weichen zu stellen. Das Buch ist eine Einladung, die Funktionsweise des Kapitalismus neu zu verstehen, statt ihn nur zu beklagen oder blind zu verteidigen.

Quelle: www.sueddeutsche.de