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Dobropillja: Kyjiw widerspricht Moskaus Eroberungsmeldung

Der Leiter des Präsidialamts, Kyrylo Budanow, erklärt Dobropillja in der Oblast Donezk weiterhin unter ukrainischer Kontrolle – trotz anderslautender Berichte des russischen Generalstabs.

Dobropillja: Kyjiw widerspricht Moskaus Eroberungsmeldung
Archivfoto: Sorovas / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Der Leiter des Präsidialamts, Kyrylo Budanow, erklärt Dobropillja in der Oblast Donezk weiterhin unter ukrainischer Kontrolle – trotz anderslautender Berichte des russischen Generalstabs.

Die Ukraine hat die russische Meldung, die Stadt Dobropillja in der Oblast Donezk sei erobert, als falsch zurückgewiesen. Das erklärte der Leiter des Präsidialamts, Kyrylo Budanow, am Dienstag, 20. Oktober, während in Oslo Friedensgespräche mit US-Vertretern liefen, wie das unabhängige ukrainische Online-Medium Hromadske berichtet.

Budanow sagte demnach, der Kommandeur der russischen Heeresgruppe „Zentr“, Generaloberst Andrei Iwanajew, habe Präsident Wladimir Putin die Einnahme der Stadt wahrheitswidrig gemeldet. Iwanajew setze seine Untergebenen unter Druck, einen Erfolg vorzuweisen, nachdem er die Eroberung bereits verkündet habe. „Keine falschen Aussagen ändern die Realität“, sagte Budanow laut Hromadske und forderte alle Seiten auf, in den Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden verlässliche Informationen zu liefern. Eine unabhängige Überprüfung der konkurrierenden Angaben war zunächst nicht möglich.

Ein Video, viele Fragen

Auslöser des Streits ist ein Bericht des russischen Generalstabschefs Waleri Gerassimow vom 16. Oktober. Bei einer Videokonferenz mit Putin sprach er von eroberten Territorien und 92 eingenommenen Orten seit dem 1. September – darunter Dobropillja und Welykomyhajliwka in der Oblast Dnipropetrowsk. Für die Oblast Saporischschja meldete er die Einnahme des Dorfes Malokateryniwka und eine Annäherung bis auf fünf Kilometer an das Gebietszentrum. In der Oblast Sumy will die russische Armee ukrainische Einheiten bei Sadky zerschlagen, in der Oblast Charkiw einen „Kessel“ mit angeblich 2.000 ukrainischen Soldaten im Nordosten liquidiert haben. Fotografische oder videografische Belege für die Erfolge im ukrainischen Grenzgebiet legte Moskau nach Angaben der BBC News Ukraine nicht vor.

Das russische Verteidigungsministerium verbreitete Videos, in denen Soldaten die russische Flagge in Gebäuden in Dobropillja zeigen. Die Geolokalisierung weise die Gebäude jedoch im Süden und Osten der Stadt aus, berichtet BBC News Ukraine. Einige Aufnahmen trügen zudem Spuren von Videobearbeitung mit Künstlicher Intelligenz. Der Kommandeur eines Sturmpelotons der 61. Garde-Brigade der russischen Marineinfanterie, Sachar Tyschtschenko, berichtete Putin per Video angeblich direkt aus Dobropillja – befand sich laut BBC aber in einem sehr dunklen, offenbar unterirdischen Raum ohne erkennbaren Bezug zur Stadt.

„Dobropillja ist unser Hinterland“

Die für diesen Frontabschnitt zuständige 20. Brigade der Nationalgarde „Ljubart“, die zum Ersten Korps „Asow“ gehört, ließ die in den russischen Videos gezeigten und geolokalisierten Häuser überprüfen. Such- und Angriffsgruppen hätten dort keinen Gegner gefunden, sagte Stabssprecher Oberstleutnant Mychajlo Butko (Rufname „Danija“) der BBC News Ukraine. Es habe nicht einmal Ausrüstung oder andere Spuren gegeben. „Was das Video des russischen Verteidigungsministeriums betrifft, das durch die Netze ging: Unser Gegner hat gelernt, hybriden Krieg zu führen, sie beherrschen inzwischen KI und Montageschnitte“, sagte Butko. Der Feind sei „gut darin, seine eigenen Landsleute mit diesen Videos maximal zu täuschen“.

Nach der Kontaktlinie sei Dobropillja derzeit ukrainisches Hinterland, die Kämpfe fänden in Orten davor statt, so Butko. Zugleich schloss er nicht aus, dass einzelne russische Gruppen sich in den vergangenen Tagen schlechtes Wetter zunutze gemacht haben. Regen und Nebel beeinträchtigten die Luftaufklärung. „Theoretisch kann sich der Gegner einzeln einschleichen, das schließe ich nie aus. Er kann vier Tage laufen, aus einer Pfütze trinken, dann wird ihm eine Flagge zugesteckt, er zeigt sie vor der Kamera und stirbt.“

Der Stabssprecher verwies auf die Geografie: Dobropillja sei innerhalb seiner Verwaltungsgrenzen relativ klein, liege aber in einer Agglomeration mit Nachbardörfern. Russische Sturmgruppen könnten in diese Orte gelangt sein und dann Präsenz in Dobropillja selbst behaupten. Für Infiltrationen nutzten sie meist dieselbe Route über die Siedlung Rodynske und weiter über Switle und Bilyzke. Die zehn Kilometer legten sie zu Fuß oder mit Motorrädern und Quads über offenes Gelände zurück – leichte Ziele für ukrainische Drohnen. Wichtige Logistikrouten bei Dobropillja hätten die ukrainischen Verteidigungskräfte zudem vorab zerstört, um mechanisierte Sturmangriffe unmöglich zu machen. „Deshalb gibt es hier keine mechanisierten Stürme, die Russen kommen physisch nicht bis zum Ziel“, sagte Butko. Selbst bei schlechterem Wetter in diesem Herbst habe Russland nicht mehr die personellen und materiellen Ressourcen für einen massiven Sturm auf die Stadt.

Warum die Stadt so wichtig ist

Dobropillja gilt als letzter und am stärksten befestigter Ort im Westen der Oblast Donezk. Nach dem endgültigen Fall der Nachbarstädte Pokrowsk und Myrnohrad im Frühjahr 2026 wurde die Stadt zum Hauptziel mehrerer russischer Armeen. Von den Flanken aus wurde eine südliche und eine nördliche „Zange“ gebildet. Laut russischem Kommando gelang die „Einkreisung“ bereits Ende Sommer, danach drangen Sturmtruppen von Süden in die Stadt ein.

Dobropillja, das benachbarte Swjatohoriwka und Hanniwka bilden die letzte Industrieagglomeration der Donezk-Region vor der Verwaltungsgrenze zur Oblast Dnipropetrowsk. Quellen im ukrainischen Militärkommando erklärten der BBC, eine Besetzung dieser Orte wäre für Russland neben einem Medien-Sieg auch militärisch wertvoll: Die Soldaten könnten sich in den Hochhäusern und Kellern der Stadt verschanzen und Personal sammeln, zudem Drohnen über ukrainische Routen am Stadtrand einsetzen. Fällt die Agglomeration, öffnet sich der Weg in die Nachbarregion – die Umgebung besteht aus Ebenen, Feldern und kleinen Dörfern.

Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am 18. Oktober erklärt, die Tendenz dieses Jahres halte an: Die ukrainischen Soldaten hätten seit Herbstbeginn mehr Territorium befreit, als Russland habe erobern können. Zugleich räumte er Fälle ein, in denen Russen in die Stadt eindringen – diese würden „nicht einfach, aber“ vernichtet. Budanow betonte, gerade für schwierige Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden seien objektive Informationen über die Front entscheidend.

Anmerkung der Redaktion: Die Darstellungen beider Seiten lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Die Einschätzung, wonach die russischen Erfolgsmeldungen vor allem der Verhandlungsführung dienen, stammt von ukrainischen Stellen und ist als solche gekennzeichnet.

Quellen

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