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Hacker heizen Kühlanlagen in deutschen Supermärkten auf 50 Grad

In mehreren Supermärkten in NRW, Niedersachsen und Bayern haben Angreifer die Kühlanlagen über Nacht auf Heizen umgestellt. In Lilienthal musste der Inhaber Waren im Wert von über 360.000 Euro wegwerfen.

Hacker heizen Kühlanlagen in deutschen Supermärkten auf 50 Grad
Grafik: EuroPulse

In mehreren Supermärkten in NRW, Niedersachsen und Bayern haben Angreifer die Kühlanlagen über Nacht auf Heizen umgestellt. In Lilienthal musste der Inhaber Waren im Wert von über 360.000 Euro wegwerfen.

Hacker haben in Supermärkten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern die Kühlanlagen über Nacht von Kühlen auf Heizen umgestellt und damit große Mengen an Lebensmitteln verdorben. Betroffen sind nach Angaben von tagesschau.de zwei CAP-Supermärkte in Wuppertal und Wetter-Volmarstein im Ennepe-Ruhr-Kreis, ein Rewe-Markt in Raesfeld im Münsterland, ein Edeka-Markt in Lilienthal bei Bremen und eine Edeka-Filiale in Reisbach in Niederbayern. Die Angriffe wurden am Dienstag, 3. November, bekannt.

In Lilienthal maß der Inhaber nach eigenen Angaben in der Frischetheke am Morgen 70 Grad plus, in den Kühlhäusern 30 Grad plus. „Wir mussten Waren im Wert von über 360.000 Euro wegwerfen“, sagte Inhaber Daniel Breiding laut einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa. „Es war alles nicht mehr verkaufsfähig.“ Ein kompletter Container mit Lebensmitteln sei entsorgt worden, berichtet tagesschau.de. Der Filialleiter erstattete laut dpa Anzeige; die Ermittlungen übernahm die Zentrale Kriminalinspektion Oldenburg, die nach eigenen Angaben auch einen weiteren Fall in Diepholz prüft.

In Reisbach im Landkreis Dingolfing-Landau hatten die Angreifer die Kühlanlagen nach Angaben des Betreibers in der Nacht auf „50 Grad heizen“ umgestellt. „Foodsharing hat kurzfristig alles abgeholt, was noch irgendwie zu retten war“, teilte Edeka Ernst mit, „doch ein Großteil der Ware musste leider entsorgt werden. Das macht uns einfach nur wütend.“ Die Kriminalpolizei in Landshut ermittelt laut dem Polizeipräsidium Niederbayern wegen des Verdachts des Ausspähens von Daten und der Datenveränderung und will sich nach Angaben eines Sprechers mit den Behörden in den anderen Ländern absprechen.

In Wuppertal schrieb der CAP-Markt bei Facebook, ein „externer Zugriff am Wochenende“ habe dazu geführt, dass Tiefkühl- und Kühlanlagen „heute Vormittag zu warm“ gewesen seien. „Alle Artikel mussten und müssen nun entsorgt werden.“ Ein Sprecher der Polizei Wuppertal sagte t-online, am Montagnachmittag sei jemand auf der Wache erschienen, um Anzeige zu erstatten. Eine Bereichsleiterin der Arbeiterwohlfahrt, die die CAP-Märkte betreibt, bestätigte der dpa den Angriff in Wetter-Volmarstein. Betroffen seien Kühlregale ebenso wie Lagerbereiche; der eigentliche Angriff sei auf die Firma erfolgt, die die Kühlanlagen aus der Ferne warte. Eine Schadenssumme sei noch nicht zu beziffern.

Wie die Täter vorgehen

Nach Einschätzung von Cybersecurity-Experte Hans-Walter Borries war es „ein ganz gezielter und sehr massiver Angriff“. Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Sicherheitsstudien Firmitas hält Kühlgeräte für einen perfekten Angriffspunkt für Kriminelle: „Wir können davon ausgehen, dass das erst der Anfang war, wir werden weitere Angriffswellen auch in Deutschland sehen“, sagte er dem Handelsblatt. Nach Berichten nutzen die Täter offenbar eine ähnliche Lücke wie bei den Angriffen in Frankreich: Aus der Ferne werde das Abtausystem der Kühlanlagen gestartet, wodurch sie sich aufheizten, schreibt t-online.

Rewe und Edeka wiegeln bislang ab. Ein Edeka-Sprecher teilte auf Nachfrage mit, es handele sich bisher um „wenige Einzelfälle“. Aufgrund der genossenschaftlichen Struktur mit selbstständigen Kaufleuten lägen der Edeka-Zentrale aber bisher keine weiteren Informationen vor, berichtet das Handelsblatt. Wie viele Supermärkte in Deutschland tatsächlich betroffen sind, ist nicht bekannt; auch die Motive der Täter liegen im Dunkeln. Zu den Attacken bekannte sich bislang niemand.

Brüssel sieht einen Angriff auf die Lebensmittelkette

Die Angriffe reihen sich in eine Serie in Europa ein. In den vergangenen Tagen wurden laut tagesschau.de auch in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden Kühlanlagen in Supermärkten manipuliert. Euronews nennt unter Berufung auf AFP zusätzlich Italien und Portugal. Bereits am 12. Oktober waren in Frankreich die Kühlsysteme in Hunderten Filialen der Ketten Intermarché und Coopérative U lahmgelegt worden, sämtliche gekühlten und gefrorenen Waren mussten vernichtet werden; damals war von einem Schaden in Millionenhöhe die Rede. In einigen Filialen blieben die Tiefkühlregale bis heute leer, berichtet Euronews.

EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach mit Blick auf die Vorfälle von einem „bewussten Versuch, unsere Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher in sie zu untergraben“. Das wiederholte Auftreten dieser Cyberangriffe sei „zutiefst besorgniserregend“. Die Angriffe würden „sehr ernst“ genommen, erklärte Hansen; die Lebensmittelsicherheit in Europa sei derzeit gleichwohl nicht gefährdet. t-online und Euronews zufolge äußerte er sich am Montag.

Für die betroffenen Kaufleute geht es indes ums Überleben der Filiale: In Lilienthal prüft laut Inhaber Breiding die Versicherung derzeit, ob sie für den Schaden aufkommt. In Reisbach richtet sich die Wut der Betreiber vor allem auf die Folgen für die Lebensmittel: „Wir setzen uns tagtäglich dafür ein, Lebensmittelverschwendung zu vermeiden“, heißt es in dem Facebook-Beitrag. „Und dann kommen Menschen auf die Idee, mutwillig solche Mengen an Lebensmitteln zu vernichten?!“

Anmerkung der Redaktion: Wie groß der Gesamtschaden in Deutschland ist und ob weitere Märkte betroffen sind, lässt sich aus den vorliegenden Berichten nicht ableiten. Ob die Ermittlungen der Polizei in Wuppertal, Oldenburg und Landshut zusammengeführt werden, ist bislang nicht bekannt.

Quellen

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