Der russische Angriffskrieg hat für die ukrainische Hauptstadt eine neue Phase erreicht: Die Luftalarme in Kyiv und der Region sind nicht mehr nur kurze Unterbrechungen, sondern dauern Tage und können sich über Wochen und Monate hinziehen. Grund dafür sind die fast ununterbrochenen Starts von Shahed-Drohnen durch den Gegner. Die bisherigen Notfallprotokolle, die für einzelne Angriffe entwickelt wurden, sind unter diesen Bedingungen nicht mehr tragfähig.
Der Autor der Kolumne bei Ukrainska Pravda zeichnet ein düsteres Bild: Ohne ein sofortiges und entschlossenes Handeln der staatlichen und städtischen Behörden drohe der Metropolregion mit ihren rund 3,5 bis 4 Millionen Einwohnern ein totaler operativer Stillstand. Die Frontlinie und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen hätten sich faktisch bis vor die Tore der Stadt verschoben. Kyiv und sein Umland seien de facto zu einer Zone nahe der Front geworden, mit allen Konsequenzen für das tägliche Überleben.
Die Taktik der „Ökonomie der Reibung“
Die Strategie des Gegners zielt nach Einschätzung des Autors nicht nur auf die Zerstörung von Gebäuden, sondern vor allem auf die Blockade des gesamten städtischen Lebens. Er nennt dies die „Ökonomie der Reibung“: Durch die permanenten Alarme soll der Geschäftsbetrieb zum Erliegen kommen, die Logistik gestört, der Kapitalumschlag verlangsamt und die Widerstandskraft der Region ausgehöhlt werden.
Die Auswirkungen sind bereits jetzt in allen Bereichen spürbar. Im Gesundheitswesen werden Rettungswagen blockiert, Operationen verschoben, die Lieferung von Blut, Medikamenten und Sauerstoff stockt, Ärzte kommen nicht rechtzeitig zu ihren Schichten. Die Schulen sind zu einem Flickwerk aus Online-Unterricht geworden, was viele Familien mit Kindern zur Abwanderung bewegt und die demografische Basis der Region schwächt.
Der öffentliche Nahverkehr steht still, Brücken sind blockiert, wodurch die Verbindungen zwischen dem linken und dem rechten Ufer des Dnipro abreißen und die Vororte isoliert werden. Lkw bleiben an den Stadteinfahrten stecken, Lieferketten und Verteilzentren brechen zusammen. Einkaufszentren und der Einzelhandel machen Verluste, weil sie ihre Hallen schließen müssen, Dienstleister verlieren Kunden, kleine und mittlere Unternehmen stehen vor der Pleite.
Mikrozonen statt Flächenalarm
Um die Metropolregion vor dem Kollaps zu bewahren, schlägt der Autor eine grundlegende Reform der Alarm- und Arbeitsregeln vor. An die Stelle von pauschalen Alarmen für die gesamte riesige Agglomeration soll eine Mikrozonierung der Gefahren treten. Eine Drohne über einem Vorort dürfe nicht die Arbeit am anderen Ende der Stadt lahmlegen.
Ein zentraler Punkt ist die Genehmigung von Firmenfahrzeugen: Unternehmen brauchen einen legalen Weg, ihre Mitarbeiter mit eigenen Transportmitteln zu den Arbeitsplätzen zu bringen, auch über Brücken und Hauptverkehrsadern. Es sei unrealistisch, dass alle Beschäftigten innerhalb von 15 Minuten zu Fuß von ihrem Betrieb wohnen. Zudem fordert der Autor flexible Arbeitszeitmodelle und eine Bezahlung nach tatsächlicher Leistung, ohne bürokratische Sanktionen für unterbrochene Arbeitszeiten.
Die Regel, den gesamten öffentlichen Nahverkehr bei Alarm einzustellen, müsse abgeschafft werden. Stattdessen sollten die großen Warenströme auf die Nacht verlagert und ein Netz aus kleinen Verteilzentren, sogenannten Dark Stores, und dezentralen Lagern in den Wohnvierteln aufgebaut werden. Je kürzer die Wege bis zur Haustür, desto unabhängiger werde der Handel von blockierten Brücken und Straßen.
Online-Verwaltung und flexible Medizin
Der Autor verweist darauf, dass viele Cafés, Restaurants und kleine Läden bereits während der Alarme geöffnet bleiben und damit beweisen, dass die Wirtschaft flexibler ist als die Vorschriften. Der Staat solle diese Eigeninitiative nicht behindern oder bestrafen, sondern durch den Zugang zu Schutzräumen unterstützen.
Auch das Gesundheitswesen müsse umgebaut werden: Die meisten Sprechstunden beim Hausarzt sollten online stattfinden. Patienten dürften nicht mehr unter Alarm durch die ganze Stadt fahren, nur um eine elektronische Überweisung zu erhalten. Persönliche Termine sollten nur noch für Blutuntersuchungen, MRTs, Behandlungen und komplizierte Fälle nötig sein.
Schließlich fordert der Autor eine durchgreifende Digitalisierung der Verwaltung. Rentenversicherung, Sozialdienste und Bürgerämter müssten ihre Öffnungszeiten anpassen und die meisten Prozesse online über persönliche Konten abwickeln. Was früher persönliche Vorsprachen und lange Wartezeiten erforderte, solle künftig mit wenigen Klicks erledigt sein.
Kyiv und sein Umland könnten es sich nicht leisten, in einem Zustand permanenter Pause zu leben. Der Gegner setze genau darauf: Er wolle die Stadt durch Stillstand und die Unmöglichkeit, den nächsten Tag zu planen, zermürben. Die Antwort darauf könne nur eine vollständige Legalisierung und Einführung eines asynchronen, dezentralen und flexiblen Systems sein, in dem die Stadt parallel zum Alarm weiter lernt, produziert, handelt und heilt — statt auf die Entwarnung zu warten.
Quelle: www.pravda.com.ua



