Die Bayreuther Festspiele haben den Publizisten Michel Friedman zunächst ausgeladen und dann wieder eingeladen. Der Vorgang entblößt ein tiefsitzendes deutsches Problem: die neurotische Sehnsucht, von der eigenen Geschichte verschont zu werden. Friedman, einer der wenigen verbliebenen öffentlichen Intellektuellen des Landes, sollte zum 150. Jubiläum der Festspiele über Antisemitismus, Richard Wagner und Aufarbeitung sprechen.
Ein Eklat mit Vorgeschichte
Die Veranstaltung wurde zunächst mit Verweis auf „Sicherheitsbedenken“ abgesagt. Tatsächlich geht es um etwas Grundsätzlicheres: die Unfähigkeit vieler Deutscher, sich einzugestehen, dass Richard Wagner nicht nur musikalisch bahnbrechende Opern schuf, sondern auch eine Urschrift des modernen deutschen Antisemitismus verfasste. Die Ausladung Friedmans, der selbst Jude ist, legte diesen wunden Punkt offen.
Mediale und gesellschaftliche Dimension
Der Fall Friedman zeigt in allen Facetten, auch den medialen, wie schwer sich die deutsche Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit tut. Die revidierte Entscheidung – die Wiedereinladung – kam auf Wunsch der Wagner-Urenkelin Katharina Wagner zustande. Sie holte Friedman zurück, um genau jene Fragen zu stellen, die das Land umtreiben: Wie geht man mit einem Künstler um, dessen Werk untrennbar mit antisemitischen Ideen verbunden ist? Und warum fällt die Antwort darauf so schwer?
Fazit: Ein Lehrstück über deutsche Erinnerungskultur
Der Eklat um Friedman ist mehr als ein lokaler Skandal. Er ist ein Lehrstück über die deutsche Erinnerungskultur und ihre Widersprüche. Die Tatsache, dass ein jüdischer Intellektueller erst ausgeladen und dann wieder eingeladen wird, zeigt, wie zerrissen die Gesellschaft im Umgang mit ihrer Geschichte ist.
Quelle: www.sueddeutsche.de



