Audi will erstmals in den USA produzieren und für rund vier Milliarden Dollar (etwa 3,6 Milliarden Euro) ein Werk im Bundesstaat Georgia bauen – und der Auftritt von Konzernchef Gernot Döllner bei einer Wahlkampfveranstaltung von US-Präsident Donald Trump sorgt für Kritik aus der SPD.
Trump hatte die Pläne am Samstag (Ortszeit) bei einem Auftritt in Perry in Georgia verkündet, gut eine Woche vor den Kongresswahlen am 3. November, wie der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung berichten. Anschließend holte er Döllner auf die Bühne, der Trump für dessen Unterstützung dankte. Die SPD-Verkehrsexpertin Isabel Cademartori nannte den Auftritt am Sonntag in Berlin eine „Schande, insbesondere in Anbetracht der Geschichte des VW-Konzerns“, wie sie laut Handelsblatt mitteilte. Audi ist eine Tochter des Volkswagen-Konzerns.
Vier Milliarden Dollar, 4.500 Jobs – und ein Terminstreit
Nach Angaben von Audi sollen in Georgia rund 4.500 Arbeitsplätze entstehen, die Jahreskapazität liegt bei bis zu 200.000 Fahrzeugen. Gebaut werden sollen große Premium-SUVs für den nordamerikanischen Markt. Nach Informationen von Reuters sind unter anderem die Modellreihen Q7, Q8 und Q9 vorgesehen; eine verbindliche Modellliste hat Audi bislang nicht veröffentlicht, schreibt die Berliner Zeitung. Die Fabrik soll auf dem „Middle Georgia Megasite“ südwestlich von Macon entstehen.
Beim Zeitplan weichen die Angaben voneinander ab: Trump sprach davon, der Bau beginne im November. Audi nennt in seiner Mitteilung 2027 als vorgesehenen Baubeginn, die Produktion soll Anfang der 2030er Jahre starten. Die Regierung von Georgia konkretisierte laut Berliner Zeitung, 2027 solle zunächst die Geländevorbereitung beginnen, der eigentliche Fabrikbau 2028 folgen, die Serienproduktion werde für 2031 erwartet. Auch bei der Investitionssumme gibt es eine Differenz: Trump bezifferte sie auf 4,2 Milliarden Dollar, Audi selbst auf rund vier Milliarden Dollar.
Der Bau muss noch vom Aufsichtsrat der Volkswagen AG gebilligt werden. IG-Metall-Chefin Christiane Benner, stellvertretende Vorsitzende des Gremiums, sagte laut Tagesspiegel: „Das finale Votum wird mit ganzheitlichem Blick richtiger- und wichtigerweise im Aufsichtsrat der Volkswagen AG getroffen.“ Audi-Aufsichtsratschef Manfred Döss unterstützte laut WirtschaftsWoche bereits die Linie des Vorstands.
Wahlkampfhilfe für einen „Autokraten“?
Cademartori, Bundestagsabgeordnete und Co-Vorsitzende der SPD Baden-Württemberg, kritisierte laut Handelsblatt, während Arbeitnehmer in Deutschland um ihre Arbeitsplätze zitterten, verkünde Audi bei Trump Milliardeninvestitionen „im politisch besonders umkämpften Bundesstaat Georgia, der entscheidend für die künftigen Mehrheitsverhältnisse im Senat sein wird“. „Offensiv Wahlkampf für einen Autokraten zu betreiben, der einen Handelskrieg gegen Deutschland führt, ist ein neuer Tiefpunkt für den VW-Konzern“, so Cademartori. Der Deutschlandfunk berichtet unter Berufung auf Medienangaben zudem, der Auftritt Döllners verstoße gegen die Richtlinien des Konzerns. In Audis „Grundsätzen und Leitlinien für politische Interessenvertretung“ heißt es laut WirtschaftsWoche: „Unsere Mitarbeitenden achten außerdem auf Neutralität im Umgang mit Parteien und Interessengruppen und pflegen den Kontakt zu demokratischen Parteien. Um diesen Grundsatz zu respektieren, werden in den drei letzten Monaten vor Wahlen keine öffentlich wirksamen Termine mit zur Wahl stehenden Parteien/Politiker und keine Sponsorings von entsprechenden Veranstaltungen mehr durchgeführt.“
Aus der Gewerkschaft kam grundsätzliche Zustimmung mit Mahnung. „Den US-Markt durch ein neues Werk besser zu erschließen, ist richtig und notwendig“, sagte Benner laut Tagesspiegel. „Jedoch müssen verbindliche Perspektiven für die Beschäftigten an allen, gerade den hiesigen Standorten, klar definiert und festgehalten werden.“ Der VW-Konzernbetriebsrat verwies laut WirtschaftsWoche auf „etliche offene Fragen“ in den Gremien. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, der das Land im VW-Aufsichtsrat vertritt, sagte: „Wachstum in Amerika muss Arbeit und Wertschöpfung hier sichern und darf sie nicht verdrängen.“
Audi begründet den Schritt mit dem US-Markt und den von Trump verhängten Autozöllen, die das bisherige Importgeschäft verteuert haben. Nach Angaben von Reuters belasteten die Zölle Audi allein 2025 mit rund 1,2 Milliarden Euro. Eine Sprecherin sagte laut WirtschaftsWoche, die Investition sei „keine Entscheidung gegen Deutschland“. VW-Chef Oliver Blume erklärte in einer Mitteilung, ein mögliches Werk für Audi in den USA würde weitere Voraussetzungen schaffen für „lokalisierte Produkte aus den USA für die USA“.
Die Expansionspläne fallen in eine angespannte Lage in Deutschland: Bereits im März 2025 hatten sich Audi-Vorstand und Gesamtbetriebsrat laut Berliner Zeitung auf den Abbau von bis zu 7.500 Stellen bis Ende 2029 verständigt. Anfang September 2026 billigte der VW-Aufsichtsrat zudem einen Umbauplan mit rund 50.000 weiteren Stellen weltweit. Für die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm gibt es den Angaben zufolge ab 2031 bis 2034 bislang keine gesicherte Folgeproduktion. Ein unmittelbarer Abzug deutscher Audi-Produktion ist jedoch nicht angekündigt; große SUV-Modelle wie Q7 und Q8 werden bisher im slowakischen Bratislava gefertigt.
Anmerkung der Redaktion: Ob der Auftritt Döllners tatsächlich gegen die Konzernrichtlinien verstößt, geben die Quellen nur als Medienangabe wieder; eine Stellungnahme von Audi dazu liegt nicht vor.



