In Dnipro und umliegenden Orten sind nach russischen Angriffen in der Nacht zu Freitag zahlreiche Stromkunden ohne Elektrizität, in der Stadt fuhren am Morgen weder Straßenbahn noch Trolleybusse, auch die U-Bahn stand zunächst still. Das meldet die Kyiv Post unter Berufung auf den Gouverneur der Region Dnipropetrowsk, Oleksandr Hanscha, und den Netzbetreiber DTEK.
Am Freitag, 30. Oktober, hatte die ukrainische Luftwaffe nach Angaben des Nachrichtenportals NV die ganze Nacht über Angriffe mit Iskander-M-, S-400- und KN-23-Raketen, vier Marschflugkörpern vom Typ Ch-59/69 sowie 113 Drohnen registriert. Bis 7:30 Uhr seien 99 Luftziele abgefangen oder unterdrückt worden, darunter drei der Marschflugkörper und 96 Drohnen. In 17 Orten wurden laut NV direkte Treffer verzeichnet, an fünf weiteren Stellen Trümmer abgefangener Geschosse.
Ein Blackout, der die ganze Stadt lahmlegt
Nach Angaben von DTEK ordnete der Netzbetreiber Ukrenerho Notabschaltungen in Dnipro, den angrenzenden Kreisen und Teilen des Rajons Pawlohrad an. Die Anlagen in der Region seien durch die russischen Angriffe am 29. Oktober schwer beschädigt worden, berichtet Ukrajinska Prawda. Hanscha hatte am Morgen zunächst mitgeteilt, dass die Energieversorger über Nacht einen Teil der Verbraucher wieder ans Netz gebracht hätten; später schrieb er, Dnipro sei erneut ohne Strom, weil das Energiesystem die Last nicht trage.
Der Bürgermeister von Dnipro, Borys Filatow, rief die Einwohner auf, mindestens für einige Tage Lebensmittel und Wasser zu Hause zu haben und möglichst zu Hause zu bleiben. „Leider ist Dnipro wieder im Blackout“, schrieb er laut Ukrajinska Prawda. Außer Bussen fahre kein elektrischer Nahverkehr – weder Straßenbahnen noch Trolleybusse noch die U-Bahn. Das Verkehrsdezernat der Stadt teilte später mit, bis 7:30 Uhr sei die U-Bahn teilweise wieder in Betrieb, die Züge fuhren im 16-Minuten-Takt.
Die Kyiv Post berichtet, Wasser- und Abwasserpumpwerke würden auf Notstromaggregate umgestellt, um die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. DTEK bestätigte, dass die Angriffe wichtige Stromnetze beschädigt hätten.
Krementschuk: Treffer auf einen Industriebetrieb
Russische Streitkräfte griffen in der Nacht zudem ein Industrieunternehmen im Kreis Krementschuk in der Region Poltawa an, wie der Chef der dortigen Militärverwaltung, Witalij Djakivnytsch, laut Kyiv Post auf Telegram mitteilte. Er habe erklärt, die Behörden arbeiteten daran, die Folgen festzustellen; Name des Betriebs und Schadensumfang wurden zunächst nicht bekannt. Nach Angaben von NV setzten die russischen Truppen dabei sowohl ballistische als auch Marschflugkörper ein.
Der neue Angriff kam weniger als einen Tag nach russischen Angriffen auf Wohngebiete in Krementschuk, bei denen nach Angaben der Kyiv Post drei Menschen getötet und 32 verletzt wurden, darunter sechs Kinder. Die Regionalbehörden erklärten den Freitag zum Trauertag für die Opfer.
In der Hauptstadt Kyjiw blieb die Lage in der Nacht angespannt. Nach einem ballistischen Angriff am späten Donnerstag schlugen russische Raketen in Lagerhallen im Bezirk Darnyzkyj ein und lösten Brände aus, Trümmer und Druckwellen beschädigten Wohngebäude und Fahrzeuge im benachbarten Bezirk Dniprowskyj. Die Stadtverwaltung bestätigte laut Kyiv Post ein Todesopfer. NV berichtet unter Berufung auf die Luftwaffe, in der Nacht sei in dem Bezirk zudem ein Mensch ums Leben gekommen, als Trümmer ein einstöckiges Gebäude teilweise zerstörten. Die Zahl der Todesopfer des Angriffs auf den Bahnhof von Dnipro vom 29. Oktober stieg nach Angaben von NV auf 15.
Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Donnerstag gewarnt, der ukrainische Geheimdienst habe Hinweise auf weitere russische Vorbereitungen für ballistische Angriffe. „Wir brauchen die Fähigkeiten, dieses russische Übel abzuschießen, und warten auf Entscheidungen“, schrieb er laut Kyiv Post. Er forderte dringende Lieferungen von Abfangraketen, insbesondere für Patriot-Systeme aus US-Produktion. Kyjiw drängt Washington seit Monaten, die Lieferung von Patriot- und NASAMS-Raketen zu genehmigen – auch von Abfangraketen, die europäische Verbündete bereits bezahlt haben, die aber noch auf die Zustimmung des Pentagon warten.
Für die Menschen in Dnipro bedeutet der Ausfall mehr als dunkle Straßen: Ohne Strom bleiben Aufzüge, Heizungen und Wasserpumpen stehen, während die Temperaturen auf den Winter zugehen. Die Kyiv Post ordnet die Angriffe in eine Reihe ein, mit der sich die Ukraine auf einen weiteren Winter unter russischem Beschuss an ziviler Infrastruktur vorbereitet.
Anmerkung der Redaktion: Die Angaben zu Opfern und Schäden stammen von ukrainischen Behörden und Medien; unabhängig überprüfen lassen sie sich von uns nicht.



