Die Ukrainische Nationalbank hat ihren Leitzins zum dritten Mal in Folge angehoben, diesmal um 0,5 Prozentpunkte auf 16,5 Prozent. Der neue Satz gilt ab dem 30. Oktober. Zugleich hat die Notenbank ihre Prognosen deutlich verschlechtert: Für 2026 erwartet sie nun ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,4 Prozent statt des im Juli noch erwarteten Wachstums von 1,8 Prozent. Die Inflation soll zum Jahresende bei 12,5 Prozent liegen, bisher waren 10 Prozent angesetzt.
Der Weg dorthin war kurz: Nach einer Senkung auf 15 Prozent zu Jahresbeginn erhöhte die Nationalbank den Satz am 30. Juli auf 15,5 Prozent, am 17. September auf 16 Prozent und nun auf 16,5 Prozent. Im September lag die Teuerung nach Angaben der Notenbank bei 10 Prozent im Jahresvergleich, die Kerninflation bei 8,8 Prozent. Auch im Oktober setzte sich der Trend fort.
Warum die Notenbank die Zügel anzieht
Die Nationalbank nennt mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Treibstoff ist wegen des Krieges im Nahen Osten teurer geworden. Russische Angriffe treffen zunehmend Lager und Logistik, was Transport und Handel verteuert. Der Export sinkt, auch wegen der Blockade der Seewege, und das setzt die Landeswährung unter Druck. Nach Berechnungen der Notenbank kosten Angriffe und Blockade das Wirtschaftswachstum dieses Jahres 1,9 Prozentpunkte. Allein die Folgen der Luftangriffe treiben die Jahresinflation laut Gouverneur Andrij Pyschnyj um rund 0,7 Prozentpunkte nach oben. Die Wirtschaftszeitung Ekonomitschna Prawda nennt als weiteren Faktor verzögerte Reformen, die auch internationale Finanzhilfen aufgehalten hätten.
Pyschnyj nannte die Anhebung eine „ausgewogene Entscheidung“, die Inflationskontrolle und Wirtschaftsstützung verbinde. Die Notenbank will damit hrywnja-Anlagen attraktiv halten und den Devisenmarkt stabilisieren. Das scheint zu wirken: Große Banken haben begonnen, ihre Einlagenzinsen in Hrywnja zu erhöhen, kleinere waren schneller. Zugleich wuchsen die Netto-Hrywnja-Kredite im September im Jahresvergleich um mehr als 32 Prozent bei Unternehmen und mehr als 38 Prozent bei Privatkunden. Die Kreditnachfrage ist also trotz hoher Zinsen kaum gebremst.
Was der Zinsabstand zu Europa bedeutet
Zum Vergleich: Die Europäische Zentralbank ließ am selben Tag ihren Einlagensatz unverändert bei 2,50 Prozent und verwies auf Unsicherheit durch höhere Energiepreise. Der Abstand zwischen Kyjiw und Frankfurt beträgt damit 14 Prozentpunkte. Er zeigt, wie anders die Lage ist: In der Eurozone geht es um eine Pause nach dem Kampf gegen die Inflation, in der Ukraine um Preisdruck, der aus dem Krieg selbst kommt und sich mit Zinsen nur begrenzt dämpfen lässt.
Für Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland sind zwei Folgen praktisch. Wer Ersparnisse oder Rücküberweisungen in Hrywnja hält, dürfte bei Banken mit der Zeit höhere Einlagenzinsen sehen – wann und wie viel, entscheidet jede Bank selbst; bestehende Verträge ändern sich nicht automatisch. Und wer Angehörige unterstützt, sollte mit weiter steigenden Preisen rechnen, vor allem bei Treibstoff und Lebensmitteln.
Wie geht es weiter? Die Notenbank geht in ihrer Prognose davon aus, den Satz bis ins zweite Quartal 2027 bei 16,5 Prozent zu halten, behält sich aber Anpassungen vor, falls sich die Risiken ändern. Für 2027 erwartet sie ein Wachstum von 0,4 Prozent (zuvor 2,8) und eine Inflation von 7,3 Prozent; das Inflationsziel von 5 Prozent soll 2028 erreicht werden, bei 2,2 Prozent Wachstum. Diese Erholung beruht auf der Annahme, dass sich die Logistik Mitte 2027 verbessert – eine Annahme, die die Notenbank selbst als technisch bezeichnet. Unsere Einschätzung: Die Prognose steht und fällt mit der Sicherheitslage. Bleiben die Angriffe auf Infrastruktur so intensiv, sind weitere Abwärtskorrekturen wahrscheinlicher als eine baldige Zinssenkung; sicher ist das nicht. Die Mitschrift der Zinssitzung erscheint am 9. November, die nächste Zinsentscheidung ist für den 17. Dezember angesetzt.
Quellen: Nationalbank der Ukraine, Interfax-Ukraine, Ekonomitschna Prawda, Kyiv Post, UNN



