Lettland hat wegen des russischen Angriffs auf einen Hilfsverteilpunkt in der Region Saporischschja ein Sondertreffen des UN-Sicherheitsrats beantragt. Das teilte Lettlands Außenministerin Baiba Braže am Dienstag, 3. November, auf der Plattform X mit, wie unter anderem die Kyiv Post und die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine berichten. Lettland hat im November zum ersten Mal in seiner Geschichte den rotierenden Vorsitz des Sicherheitsrats inne und kann damit die Tagesordnung des Gremiums mitgestalten.
Braže schrieb: „Lettland hat ein Sondertreffen des UN-Sicherheitsrats beantragt, nachdem es entsetzliche russische Angriffe auf Zivilisten in der Ukraine gegeben hat, darunter auf ein Hilfsverteilzentrum in Komyschuwacha, wo mindestens 26 unschuldige Menschen getötet wurden.“ Die Zahl von 26 Opfern in ihrem Beitrag ist inzwischen überholt: Nach Angaben der Militärverwaltung der Region Saporischschja sind inzwischen 31 Tote bestätigt.
Nach Angaben der Kyiv Post machte Braže keine Angaben zu einem möglichen Termin. Käme die Sitzung zustande, würde der Angriff allen 15 Mitgliedern des Sicherheitsrats vorgelegt – einschließlich Russlands, das als ständiges Mitglied mit Vetorecht abschließende Resolutionen blockieren kann. Erst wenige Tage zuvor hatte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha nach früheren russischen Angriffen mit mindestens 25 Toten und mehr als 110 Verletzten in der Ukraine ein separates Dringlichkeitstreffen gefordert.
Zahl der Vermissten steigt auf 58
Die Lage vor Ort bleibt unübersichtlich. Nach Angaben des Gouverneurs der Region Saporischschja, Mychajlo Semikin, waren am Dienstagabend 31 Tote bestätigt, 20 davon noch nicht identifiziert. Die Zahl der Vermissten wuchs im Tagesverlauf: Am Morgen hatte Semikin noch von fast 50 gesprochen, am Abend nannte er 58. Fünf Verletzte werden laut Kyiv Post medizinisch versorgt, Ärzte kämpfen nach Angaben der Zeitung um einige von ihnen.
Semikin zufolge leitete er am Dienstagabend eine Sitzung des regionalen Koordinierungsstabs, in dem Rettungskräfte, Polizei, Militär und weitere Dienste zusammenarbeiten. Dabei wurde laut Kyiv Post bekannt gegeben, dass die Region die Beerdigungskosten für jede Familie übernimmt, die einen Angehörigen verloren hat; auch die nötigen Formalitäten würden vollständig begleitet. Semikin sagte: „Wir werden keine Familie mit ihrer Trauer allein lassen.“
Die Räumung der Trümmer kommt nur langsam voran und ist gefährlich. Russische Kräfte hätten die Drohnenangriffe in der Gegend deutlich verstärkt, sodass die Rettungskräfte die Suche bei Luftalarm immer wieder unterbrechen müssten, berichtet die Kyiv Post. Moskau ist für sogenannte Doppelschlag-Angriffe bekannt, bei denen derselbe Ort ein zweites Mal getroffen wird, während die Rettungsarbeiten laufen. Bei den Angriffen vom Montag wurden nach Angaben der Kyiv Post mindestens vier Polizisten und zwei Rettungskräfte getötet.
Neun Gleitbomben auf Schule und Schutzraum
Nach Darstellung der Kyiv Post setzte die russische Armee neun Gleitbomben (KAB) gegen die Schule und ihren Schutzraum ein. In der Schule in Komyschuwacha fand wöchentlich die Verteilung humanitärer Hilfe statt. Semikin hatte den Angriff als den verlustreichsten russischen Schlag gegen die Region Saporischschja seit Beginn der Invasion im Februar 2022 bezeichnet.
Die Angaben zum Zeitpunkt des Angriffs unterscheiden sich in den Quellen: Die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine und report.az nennen den 2. November, die Kyiv Post spricht von „erst einen Tag zuvor“ gegenüber ihrer Meldung vom 3. November. Die Opferzahlen der Behörden beziehen sich auf die Militärverwaltung der Region Saporischschja, nicht auf russische Angaben.
Einschätzung der Redaktion: Der lettische Vorstoß im Sicherheitsrat dürfte vor allem ein öffentliches Zeichen sein. Eine Verurteilung oder Sanktion scheitert an Russlands Vetorecht – die Sitzung kann den Angriff aber vor allen Mitgliedern dokumentieren und den Druck auf Moskau erhöhen. Entscheidend vor Ort bleibt die Frage, wie viele der 58 Vermissten noch geborgen werden können, solange Drohnen die Suche immer wieder stoppen.
Zuvor berichtet: Nach Luftangriff auf Komyschuwacha: 31 Tote, fast 50 Vermisste



