Nach dem russischen Luftangriff auf eine Klinik in Charkiw ist die Zahl der Verletzten am Dienstagmorgen auf 73 gestiegen. 226 Patienten sollen in andere Krankenhäuser verlegt werden. Das meldet die Staatsanwaltschaft der Region Charkiw, wie die BBC berichtet. Zuvor hatte der Leiter der regionalen Militärverwaltung, Oleh Synjehubow, am Dienstagmorgen von mindestens 62 Verletzten gesprochen, Stand 6.15 Uhr Ortszeit, wie die Berliner Zeitung berichtet.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft waren unter den 73 Betroffenen Patienten der Klinik, medizinisches Personal und Anwohner benachbarter Häuser. Bei den meisten sei eine akute Stressreaktion diagnostiziert worden. Nach vorläufigen Angaben sollen 226 Menschen in andere Krankenhäuser verlegt werden. Die BBC beruft sich dabei auf die Behörden, die Berliner Zeitung auf Synjehubow.
Eine Gleitbombe traf den Verbindungsgang
Der Angriff auf Charkiw ereignete sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegen 03.20 Uhr am Dienstag, 3. November. Eine Fliegerbombe schlug in einen Verbindungsgang zwischen zwei Klinikgebäuden im Stadtbezirk Nemyshljanskyj ein. In den Gebäuden wurden Fenster herausgerissen, Fassade und Abteilungen beschädigt. Nach Einschätzung der Ermittler könnte es sich um eine FAB-250 mit dem Steuerungsmodul UMPK-5R gehandelt haben; die Trümmer wurden sichergestellt. Die Staatsanwaltschaft hat ein Vorverfahren wegen eines Kriegsverbrechens eingeleitet.
Beschädigt wurden laut Staatsanwaltschaft zudem eine weitere medizinische Einrichtung, ein Labor, die Fenster von zehn Mehrfamilienhäusern und 13 Autos. Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow erklärte, die Druckwelle habe mehr als 1.000 Fensterscheiben an der Klinik und in der Umgebung zerstört. Die Berliner Zeitung nennt unter Berufung auf die regionale Militärverwaltung mindestens vier beschädigte Wohnhäuser, während die Staatsanwaltschaft von zehn beschädigten Mehrfamilienhäusern spricht. Wegen beschädigter Anlagen der Stadtversorgung wurde die Wärme- und Warmwasserversorgung teilweise eingestellt, im Metrobetrieb sind wegen instabiler Netzspannung Abweichungen vom Fahrplan möglich.
Angriffe auf Energieanlagen in mehreren Regionen
Der Angriff auf Charkiw war Teil eines massiven russischen Schlags in der Nacht zum Dienstag. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe setzte Russland Iskander-M/KN-23- und Zirkon-Raketen, 59 Marschflugkörper vom Typ Ch-101, Ch-59, Ch-69 und Iskander-K sowie 289 Drohnen ein, darunter 120 mit Düsenantrieb. Bis 9 Uhr wurden demnach 309 Flugkörper abgeschossen oder gestört: drei ballistische Raketen, 49 Marschflugkörper und 257 Drohnen. Treffer wurden an 23 Orten registriert, Trümmer fielen an 14 Stellen herab. Die Luftwaffe warnte, der Angriff dauere an, mehrere Drohnen seien noch im ukrainischen Luftraum.
Hauptziele waren nach Angaben der Luftwaffe die Regionen Kyjiw, Charkiw, Winnyzja und Dnipropetrowsk. In Dnipro wurden nach Angaben des Leiters der Militärverwaltung der Region, Olexandr Hanscha, ein Heizkraftwerk, ein Wohnviertel, eine Polizeidienststelle und ein Krankenhaus getroffen. Ein Mensch kam ums Leben, 17 wurden verletzt. Die Rettungskräfte versuchten, den Leichnam aus den Trümmern zu bergen; die Suche werde durch die anhaltende Gefahr weiterer Treffer erschwert, sagte Hanscha. In der Region Schytomyr waren nach Behördenangaben mehr als 180.000 Haushalte in rund 130 Ortschaften ohne Strom, wie BR.de berichtet. In der Region Odessa kam es nach einem Angriff auf eine Anlage des Energieversorgers DTEK zu Notabschaltungen. In der Region Winnyzja wurden Energieanlagen beschädigt, es gab zeitweise kein Wasser, der Nahverkehr wurde umgeleitet, und die Energieversorger führten stündliche Abschaltungen ein. Auch in der Region Chmelnyzkyj und bei Tscherniwzi gab es Schäden.
Selenskyj warnt vor neuem Schlag während der US-Wahlen
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vor einem weiteren schweren russischen Angriff während der Kongresswahlen an diesem Dienstag in den USA. Nach Erkenntnissen der ukrainischen Geheimdienste plant Moskau unter anderem Attacken auf die Energieversorgung und Logistikziele des Landes. Auf der Plattform X schrieb Selenskyj, die Aufmerksamkeit der Welt werde sich auf die US-Wahlen richten, „und was in der Ukraine passiert, inklusive unserer Schwierigkeiten bei der Luftabwehr und mit Patriot-Raketen, wird nicht wahrgenommen“.
Russland meldete seinerseits die Abwehr von 493 ukrainischen Drohnen in Richtung Moskau, wie Bürgermeister Sergej Sobjanin auf Telegram mitteilte. Die meisten seien weit vor der Hauptstadt abgeschossen worden, 187 erst beim Anflug. Nach Angaben des Gouverneurs der Region Jaroslawl, Michail Jewrajew, wurde eine Ölraffinerie beschädigt, zwei Mitarbeiter wurden verletzt, es brach ein Feuer aus. Das russische Verteidigungsministerium erklärte laut der Nachrichtenagentur Interfax, angegriffen worden seien Energieanlagen in den Regionen Winnyzja, Dnipropetrowsk und Charkiw sowie Häfen in der Region Odessa.
Unterdessen kündigte der US-Sondergesandte Steve Witkoff neue Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland an. Die Delegationen sollen am 10. und 11. November in Abu Dhabi zusammenkommen und auf Arbeitsebene über Sicherheitsgarantien nach dem Krieg, Deeskalation und humanitäre Hilfe sprechen. Für diese Woche sind zudem Gespräche US-amerikanischer Unterhändler mit Vertretern Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens, der EU und der Nato in Brüssel angekündigt.
Zuvor berichtet: Angriff auf Charkiw: Klinik getroffen, mindestens 25 Verletzte



