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Selenskyj in Berlin, Kyjiw im Notbetrieb: Was 200 Millionen bringen

Während Merz weitere 200 Millionen Euro Winterhilfe zusagt, legt Russland Teile der ukrainischen Stromversorgung lahm. Entscheidend wird die Luftverteidigung.

Selenskyj in Berlin, Kyjiw im Notbetrieb: Was 200 Millionen bringen
Symbolbild: Alexas Fotos / Pexels

Während Merz weitere 200 Millionen Euro Winterhilfe zusagt, legt Russland Teile der ukrainischen Stromversorgung lahm. Entscheidend wird die Luftverteidigung.

Selenskyj reist zu einem nicht angekündigten Besuch nach Berlin, Merz sagt weitere 200 Millionen Euro Winterhilfe zu – und in der Ukraine laufen zur selben Zeit Notabschaltungen. Das ist die Gleichzeitigkeit dieses Dienstags.

In der Nacht zum 3. November griff Russland nach Angaben des ukrainischen Energieministeriums mit 289 Drohnen, 17 ballistischen Raketen und 59 Marschflugkörpern an, Hauptziel war die Energieinfrastruktur. Getroffen wurden Anlagen in zehn Regionen, darunter Winnyzja, Dnipropetrowsk, Saporischschja, Schytomyr und Charkiw. Der Betreiber DTEK meldete, drei seiner Wärmekraftwerke seien ausgefallen, und sprach binnen eines Tages von mehr als 20 Angriffen auf das Energiesystem. In Kyjiw und sechs weiteren Gebieten gelten Notabschaltungen. Bürgermeister Witali Klitschko berichtete von zeitweise unterbrochener Wasserversorgung, gestörtem Nahverkehr und „Wärmestuben“, in denen Menschen Handys laden und Tee bekommen.

Vor diesem Hintergrund trat Friedrich Merz mit Wolodymyr Selenskyj vor die Presse. Die 200 Millionen Euro kommen je zur Hälfte aus dem Etat des Auswärtigen Amts und des Entwicklungsministeriums, sie sollen humanitäre Hilfe und die Energieversorgung sichern. Der Bundestag muss noch zustimmen. „Wir werden unsere Hilfe fortsetzen, bis dieser Krieg beendet ist“, sagte Merz.

Wie viel sind 200 Millionen wert?

Ein Signal, aber kein Wendepunkt – so lässt sich die Summe einordnen. Beim Kyjiw-Besuch am 4. Oktober hatte Merz ein Paket von mehr als 1,3 Milliarden Euro angekündigt, mit Waffen, Energiehilfe und Geld für Abfangdrohnen gegen Shaheds. Die neue Tranche entspricht rund 15 Prozent davon. Selenskyj beziffert den europäischen Finanzbedarf der Ukraine für 2027 auf zusätzliche 70 Milliarden Euro. Die Grünen-Haushaltspolitikerin Jamila Schäfer nannte das Geld „einen kleinen Lichtblick“, kritisierte aber, dass zugleich bei der humanitären Hilfe gekürzt worden sei, während die Angriffe auf die Energieversorgung zunähmen.

Der eigentliche Engpass liegt woanders: bei der Luftverteidigung. Deutschland hat nach Angaben des Handelsblatts bereits alle Patriot-Systeme abgegeben, die es ohne Schwächung der eigenen Abwehr entbehren kann; Merz räumte laut Ukrinform Schwierigkeiten ein, Bestände wieder aufzufüllen. Generatoren und Ersatzteile helfen im Winter, schützen aber kein Umspannwerk vor dem nächsten Einschlag.

Drei Termine, ein Ziel: Waffenruhe für die Energie?

Die kommenden Wochen sind dicht getaktet. Am 10. und 11. November sind in Abu Dhabi unter US-Vermittlung direkte Gespräche zwischen der Ukraine und Russland angesetzt, die ersten seit langem. Selenskyj will dort zuerst einen Waffenstillstand für Energie- und andere kritische Infrastruktur, dazu ein Ende der Blockade im Schwarzen Meer und einen Gefangenenaustausch „alle gegen alle“. Merz sagte, alle diplomatischen Wege seien zu verfolgen, aber nur solche, die zu Waffenruhe und Frieden führten: „Alles andere ist nicht akzeptabel.“ Am 19. November lädt er rund 35 Staaten der „Koalition der Willigen“ nach Berlin, um die Unterstützung für 2027 festzulegen – vor allem militärisch. Einen Tag später folgt in Berlin das deutsch-ukrainische Wirtschaftsforum.

Unsere Einschätzung, mit Vorbehalt: Am ehesten ist ein begrenztes Abkommen zum Energiesektor erreichbar, weil es beiden Seiten Kosten erspart – die Ukraine schützt ihre Netze, Russland seine Raffinerien. Realistisch ist aber auch, dass Abu Dhabi ohne greifbares Ergebnis endet und die Angriffe im Winter weitergehen. Bis dahin entscheidet sich die Lage nicht in Berlin, sondern an der Zahl der Abfangraketen, die in Kyjiw ankommen.

Über den Rahmen künftiger Verhandlungen ist noch nichts entschieden: Beide Seiten betonten, dass Europa mit am Tisch sitzen müsse. „Europa muss und will in diesem Prozess eine Rolle spielen“, so Merz; Selenskyj sprach von einer Beteiligung „in dem einen oder anderen Format“. Wie die aussehen soll, ist offen.

Zuvor berichtet: Witkoff: USA vermitteln Ukraine-Gespräche am 10. und 11. November.

Quellen: Handelsblatt, taz, Ukrinform, Ukrinform / Energy Ministry, Kyiv Post, president.gov.ua

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