Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) haben eine kriminelle Organisation aufgedeckt, deren Mitglieder hochrangigen Beamten der Sicherheitsbehörden systematisch unrechtmäßige Vorteile dafür gewährt haben sollen, dass betrügerische Callcenter und andere illegale Geschäfte ungestört arbeiten konnten. Das teilte das NABU am Mittwoch, 4. November, in seinem Telegram-Kanal mit, wie die Nachrichtenagentur Ukrinform berichtet.
Der Operation gaben die Ermittler den Namen „Karthago“. Nach Angaben der Untersuchung waren „amtierende hochrangige Beamte des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SSU), der Nationalpolizei, der Generalstaatsanwaltschaft sowie Vertreter des kriminellen Milieus“ in die Straftaten verwickelt, wie das NABU mitteilte. Einzelheiten der Operation will die Behörde nach eigenen Angaben später nachreichen.
Ein SSU-General soll Ermittler mit der Waffe bedroht haben
Schon am Morgen desselben Tages hatte das NABU gemeldet, dass ein hochrangiger SSU-Beamter die Durchsuchung durch NABU-Detektive blockiert. Der Beamte drohe mit dem Einsatz einer Schusswaffe und lasse die Ermittler nicht an den Durchsuchungsort, hieß es in der Mitteilung. Die Durchsuchung erfolgte demnach auf Grundlage einer Entscheidung des Untersuchungsrichters am Obersten Antikorruptionsgericht (WAKS). Am Ort seien zudem Spezialkräfte des SSU eingetroffen.
Der Investigativjournalist Mychajlo Tkatsch berichtete unter Berufung auf Quellen in den Strafverfolgungsbehörden, es handle sich um den SSU-General Serhij Duka, wie TSN meldet. Auch beim Leiter der Hauptverwaltung für innere Sicherheit des SSU, dem Oberst Anton Krawtschuk, hätten die NABU-Ermittler Durchsuchungen durchgeführt. Diese Angaben stammen aus Quellen und sind bislang nicht offiziell bestätigt.
Das Verfahren um den Generalstaatsanwalt und die Callcenter
Die Operation „Karthago“ ist seit Wochen Gegenstand der Ermittlungen. Bereits am 4. September war bekannt geworden, dass NABU und SAP im Rahmen der Operation eine kriminelle Organisation aufdeckten, die nach Erkenntnissen der Ermittler von einem Beamten der Generalstaatsanwaltschaft angeführt wurde. Die Beteiligten werden mit der „Absicherung“ eines Netzes betrügerischer Callcenter und der Legalisierung von Vermögenswerten in Verbindung gebracht. Aus den Unterlagen des Verfahrens geht hervor, dass es sich um den stellvertretenden Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit der Generalstaatsanwaltschaft, Serhij Kropywa, handelt. Nach Angaben der Ermittlungen hatte er Mitte 2025 aus leitenden Struktureinheiten der Generalstaatsanwaltschaft eine Organisation gebildet und geleitet und dieser Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft sowie ihm nahestehende Personen zugeführt.
NABU und SAP zufolge erhielten die Mitglieder der Organisation systematisch unrechtmäßige Vorteile dafür, die Tätigkeit sogenannter Callcenter nicht zu behindern, die Betrug an ukrainischen Bürgern und Ausländern betrieben. Nach der Version der Ermittler wurden die erlangten Gelder über den Kauf von Immobilien, Schmuck und anderem wertvollen Eigentum im Wert von mehr als 20 Millionen Hrywnja legalisiert. Weitere mehr als 10 Millionen Hrywnja sollen die Beteiligten auf Konten nahestehender Personen eingezahlt und als Einkünfte aus unternehmerischer Tätigkeit ausgegeben haben.
Die Generalstaatsanwaltschaft erklärte am 4. September, der Mitarbeiter, dessen mögliche Verwicklung in rechtswidrige Aktivitäten im Zusammenhang mit betrügerischen Callcentern geprüft werde, werde für die Dauer der Voruntersuchung von seinen Dienstpflichten suspendiert. Am Sonntag, 6. September, ordnete das WAKS die Untersuchungshaft für Kropywa an, mit einer Alternative von 120 Millionen Hrywnja Kaution. Am 7. September erließ das Gericht auch Haftmaßnahmen gegen Kropywas Lebensgefährtin Jelysaweta Iwachnenko und seinen Fahrer Serhij Kuzyj. Am 8. September nahm das WAKS den Anwalt Oleksandr Dydytsch in Haft – einen Verwandten und Bevollmächtigten Kropywas. Dydytsch gilt als Vertrauensperson Kropywas; die Ehefrau des Anwalts, Wiktorija Dydytsch, ist Kropywas Schwester. Dydytsch wird der Beteiligung an einer kriminellen Organisation und der Legalisierung von aus Straftaten erlangtem Vermögen verdächtigt.
Kropywa verliert seinen Posten, die Disziplinarkommission prüft
Der amtierende Generalstaatsanwalt Anton Kowalskyj erklärte am Montag, 2. November, gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne, die Dienstuntersuchung gegen Kropywa sei abgeschlossen. Man habe festgestellt, dass er eine Disziplinarverfehlung begangen habe; er persönlich habe gegen Kropywa ein Strafverfahren registriert und die Untersuchung dem Staatlichen Ermittlungsbüro (DBR) übertragen. Die Untersuchung habe zudem ergeben, dass Kropywa gemeldet habe, an seinem Dienstort zu sein, tatsächlich aber im Bukowel gewesen sein könnte. Kowalskyj zufolge hat er an seinem ersten Arbeitstag die Stelle abgeschafft, die Kropywa innehatte – den Posten des stellvertretenden Leiters der Abteilung für internationale Zusammenarbeit. Aufgrund der Ergebnisse der Dienstuntersuchung habe er sich wegen Kropywa an die Kontroll- und Disziplinarkommission der Staatsanwaltschaft gewandt, die ihn nach Prüfung aus dem Dienst der Staatsanwaltschaft entlassen könne. „Kropywa ist ein klassisches Beispiel eines Menschen, der über irgendwelche unklaren Verbindungen in das System der Staatsanwaltschaft gelangt ist und nicht wegen seiner fachlichen Qualitäten“, sagte Kowalskyj.
Hintergrund ist auch der Wechsel an der Spitze der Generalstaatsanwaltschaft. Der damalige Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko war am 7. September zurückgetreten; am 15. September stimmte das Parlament, die Werchowna Rada, seinem Rücktritt mit 317 Stimmen zu, und Präsident Wolodymyr Selenskyj unterzeichnete am selben Tag ein Dekret über seine Entlassung. Am 17. September wurde Anton Kowalskyj, Leiter der Staatsanwaltschaft der Oblast Chmelnyzkyj, amtierender Generalstaatsanwalt. Am 9. Oktober erklärte Kowalskyj, die Generalstaatsanwaltschaft untersuche die Umstände von Krawtschenkos Ausreise aus der Ukraine und das Handeln von Beamten im Zusammenhang mit der Operation „Karthago“.
Wie das englischsprachige Nachrichtenportal The New Voice of Ukraine am Freitag, 30. Oktober, unter Berufung auf die SAP berichtete, verlängerte das WAKS die Untersuchungshaft von drei Verdächtigen um zwei Monate und senkte zugleich die Kautionssummen: für Kropywa von 120 auf 93 Millionen Hrywnja, für Iwachnenko von 20 auf 15 Millionen und für die Vertrauensperson von 15 auf 11,6 Millionen Hrywnja.
Was die neuen Durchsuchungen bedeuten
Die Ermittlungen weiten sich damit von der Generalstaatsanwaltschaft auf den Sicherheitsdienst und die Nationalpolizei aus. Sollten sich die Angaben zu den Durchsuchungen bei SSU-General Duka und Oberst Krawtschuk bestätigen, stünde die Affäre nicht mehr nur für Korruption in der Staatsanwaltschaft, sondern für ein Netzwerk, das nach Darstellung der Ermittler bis in die Führung der Sicherheitsbehörden reicht. Das NABU hat weitere Einzelheiten angekündigt; offizielle Namen nannte die Behörde bislang nicht.
Anmerkung der Redaktion: Die Zuordnung der Durchsuchungen zu Serhij Duka und Anton Krawtschuk beruht auf Quellen, die der Journalist Mychajlo Tkatsch und TSN anführen; eine offizielle Bestätigung des NABU liegt nicht vor.



