Do., 22 Okt. 2026 Kyjiw 13:39Berlin 12:39London 11:39 UKR / DE / EN

Selenskyj: 21 ballistische Raketen auf Kyjiw in drei Wellen

Russland hat in der Nacht zum Donnerstag zwölf Regionen der Ukraine angegriffen. In Kyjiw starb mindestens ein Mensch, landesweit wurden nach Angaben von Präsident Selenskyj 34 Menschen verletzt, darunter fünf Kinder.

Selenskyj: 21 ballistische Raketen auf Kyjiw in drei Wellen
Archivfoto: Alina Vozna / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Russland hat in der Nacht zum Donnerstag zwölf Regionen der Ukraine angegriffen. In Kyjiw starb mindestens ein Mensch, landesweit wurden nach Angaben von Präsident Selenskyj 34 Menschen verletzt, darunter fünf Kinder.

Russland hat in der Nacht zum Donnerstag zwölf Regionen der Ukraine mit Raketen und Drohnen angegriffen und dabei nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj mindestens zwei Menschen getötet und 34 weitere verletzt, darunter fünf Kinder. Das teilte Selenskyj am Donnerstag, 22. Oktober, auf Facebook mit, wie Ukrinform berichtet. Allein auf Kyjiw seien seit Mittwochabend drei Wellen ballistischer Raketen abgefeuert worden, insgesamt 21 Raketen, so der Präsident.

In der Hauptstadt kam nach Angaben der Behörden mindestens ein Mensch ums Leben, 24 weitere wurden verletzt, darunter fünf Jugendliche und zwei Kleinkinder. Die Angaben zum Zeitpunkt der Zählung weichen zwischen den Berichten ab: Der Fernsehsender n-tv nannte am frühen Morgen unter Berufung auf Behörden zunächst 22 Verletzte, darunter vier Kinder, und eine Tote. Die Berliner Morgenpost berichtete von mindestens einem Toten und 24 Verletzten in der Nacht auf den 22. Oktober. Die Zahl der seit Mittwoch in der Ukraine Getöteten bezifferte n-tv am Donnerstagmorgen auf mindestens zehn, darunter Opfer in Sumy, Charkiw, Saporischschja und in der Region Donezk, basierend auf Angaben regionaler Behörden.

Getroffen wurden nach Selenskyjs Angaben Wohnhäuser, Energieanlagen, die Infrastruktur eines Bahnhofs und der U-Bahn, Einkaufszentren, Unternehmen und sogar ein Kloster. Die Nachrichtenagentur AP meldet unter Berufung auf den Präsidenten Schäden an Wohngebäuden, Energieanlagen, einem Bahnhof, dem U-Bahn-System von Kyjiw, Einkaufszentren und Geschäften. Dem Guardian zufolge wurden zudem die Südbrücke über den Dnipro, eine Rettungswache und Bürogebäude beschädigt. Der Fernsehsender n-tv berichtete unter Berufung auf den Kyjiwer Bürgermeister Witali Klitschko, die Raketen seien die ganze Nacht über in der Stadt eingeschlagen, die Bewohner hätten in Schutzräume ausweichen müssen.

Ein Sprengkopf, der über der Altstadt detoniert

Nach Darstellung des Präsidentenberaters für Technologiefragen, Serhii „Flash“ Beskrestnow, wurde die Altstadt von Kyjiw mit einer Iskander-Rakete angegriffen, die einen K5-Streumunitionssprengkopf trug. Dieser detoniere über dem Boden und sei darauf ausgelegt, auf einer Fläche von 400 mal 400 Metern maximalen Schaden an Menschen und Material anzurichten, sagte Beskrestnow dem Nachrichtenportal NV zufolge. „Dieser Angriff wurde nicht zu einem militärischen Zweck durchgeführt“, sagte er. „Das Ziel war es, einen Teil der Altstadt zu zerstören und so viele Menschen wie möglich zu verletzen.“ Die Berliner Morgenpost weist darauf hin, dass der Einsatz von Streumunition besonders dann als Kriegsverbrechen gewertet werden kann, wenn er in dicht besiedeltem Gebiet erfolgt. Die Union of Orthodox Journalists meldete laut NV, das Kloster der Darstellung des Herrn der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche sei beschädigt worden; Trümmer hätten das Dach aufgerissen, zwei Gemeindemitglieder seien unter den Verletzten.

Die Angriffe trafen nach Angaben aus Kyjiw auch andere Landesteile. NV berichtet unter Berufung auf die ukrainische Luftwaffe von einem massiven Schlag mit ballistischen Raketen und 210 Drohnen in der Nacht zum 22. Oktober, von denen 181 abgefangen worden seien. Schäden gab es demnach auch in Krementschuk in der Region Poltawa, in Charkiw, in der Region Winnyzja, in Odessa und in Wolhynien. n-tv meldete unter Berufung auf einen regionalen Behördenvertreter auf Telegram, eine Drohne habe die Energieinfrastruktur im Gebiet Krementschuk getroffen; der Ort ist ein wichtiger Industriestandort mit einer der größten Ölraffinerien der Ukraine. Der Nachrichtenagentur AP zufolge töteten russische Drohnenangriffe auf Wohngebiete und zivile Infrastruktur in der Region Charkiw einen Menschen und verletzten mindestens 13 weitere, wie der Staatliche Katastrophenschutz mitteilte. In der Stadt Tschernihiw wurde nach Angaben des Leiters der Militärverwaltung, die n-tv unter Berufung auf Ukrainska Prawa zitiert, ein 61-Jähriger getötet und ein 54-Jähriger verletzt, als die Gebäude eines Unternehmens getroffen wurden.

Ein „demonstrativer Schlag“ unmittelbar nach den Gesprächen

Selenskyj wertet die Angriffe als direkte Antwort Moskaus auf die jüngsten Verhandlungen. „Tatsächlich hat Russland unmittelbar nach den letzten Verhandlungen einen demonstrativen Schlag versetzt“, sagte er laut Ukrinform. „Das bedeutet, dass sich an seiner Einstellung zu allem, was geschieht, nichts Wesentliches geändert hat.“ Der britische Guardian berichtet, der US-Gesandte Steve Witkoff habe am Mittwoch in St. Petersburg mit Präsident Wladimir Putin gesprochen; der Kremlberater Juri Uschakow habe anschließend erklärt, Putin habe „im Prinzip“ einer Wiederaufnahme dreiseitiger Gespräche zwischen Russland, den USA und der Ukraine nach dem 10. November zugestimmt, eine Woche nach den US-Zwischenwahlen. Der Guardian zitiert Witkoff mit den Worten an Putin: „Sie sprechen so viel davon, dass mein Präsident, Präsident Trump, ein Humanist sei. Sie sind auch ein Humanist, Sir, und ich zolle Ihnen dafür Respekt.“

Selenskyj forderte als Konsequenz eine Stärkung der Luftverteidigung, die schnelle Lieferung von Raketen, die ballistische Raketen zerstören können, und weitere Sanktionen wegen des Krieges. „Wenn russische Raketen die Antwort auf Verhandlungen sind, muss echter Druck auf Russland ausgeübt werden“, sagte er laut Ukrinform. Außenminister Andrij Sybiha erklärte auf X, „Beschwichtigung, Unterwürfigkeit und Schmeichelei“ würden den russischen Krieg nicht stoppen, wie n-tv berichtet. Der Guardian zitiert ihn mit den Worten, „appeasement, servility and flattery“ würden die russische Aggression nicht beenden.

Die Angriffe treffen die Ukraine kurz vor dem Winter, in dem nach Einschätzung aus Kyjiw gezielt die Energieversorgung zerstört werden soll. Der Guardian schreibt, Experten sähen in den Schlägen den Versuch, die Energieinfrastruktur vor dem Winter zu zerstören; die Ukraine werfe Russland vor, ballistische Raketen für einen jährlichen Feldzug zu horten, den Ukrainer als „Waffe Winter“ beschreiben. AP berichtet, die USA hätten die Weitergabe von Geheimdienstwarnungen vor russischen Raketenangriffen wieder aufgenommen, die Drosselung von Starshield, der militärischen Version des Satelliteninternets Starlink, aber bislang nicht rückgängig gemacht. Zur Frage weiterer Patriot-Munition und Sanktionen nennt AP keine neuen Zusagen Washingtons.

Russland meldete seinerseits Hunderte abgefangene ukrainische Drohnen. Die russische Luftabwehr habe 808 von der Ukraine gestartete Drohnen abgefangen, teilte das russische Militär am Donnerstag laut AP mit. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte nach Angaben von n-tv, in der Nacht seien 630 Drohnen in Richtung der Region gestartet worden, 163 hätten Moskau angesteuert, zwei Menschen seien verletzt worden. Der Guardian berichtet zudem unter Berufung auf lokale Behörden, in der Region Belgorod sei ein Mann durch einen ukrainischen Luftangriff getötet und ein weiterer verletzt worden. Das russische Verteidigungsministerium teilte laut n-tv mit, in der Nacht seien auch Schiffe getroffen worden, die von der ukrainischen Armee genutzt würden.

Anmerkung der Redaktion: Die Opferzahlen sind Angaben der ukrainischen Seite und wurden im Tagesverlauf mehrfach nach oben korrigiert; die Zahlen für Kyjiw und für das ganze Land stammen aus unterschiedlichen Meldungen und Zeitpunkten.

Quellen

EuroPulse auf Telegram: die wichtigsten Nachrichten kurz und auf Ukrainisch →