Bei einem russischen Großangriff mit Raketen und Drohnen sind in der Nacht zu Samstag in Kyjiw fünf Menschen verletzt worden, darunter ein 14-jähriges Kind. Das teilte Bürgermeister Witali Klitschko am Samstagmorgen mit, wie die „Welt“ berichtet. Die Versorgung mit Strom, Wasser und Fernwärme sei in der Dreimillionenstadt massiv gestört, die Lage bei der Stromversorgung sei „extrem schwierig“, so Klitschko.
Nach Angaben des Bürgermeisters zielten die Angriffe unter anderem auf Energieanlagen im Umland der Hauptstadt und im benachbarten Gebiet Schytomyr. Die Nordbrücke über den Dnipro wurde beschädigt und vorläufig gesperrt; auf einem von Klitschko veröffentlichten Video waren Schäden an Fahrbahn und Leitplanken zu sehen, auch Stromleitungen für Oberleitungsbusse seien abgerissen worden. Die Reparaturarbeiten hätten begonnen, meldet die „Welt“. Da der Dnipro die Stadt teilt, beeinträchtigen Ausfälle wichtiger Brücken den Verkehr zwischen den beiden Stadthälften erheblich.
Der Gouverneur der Region Kyjiw, Tymur Tkachenko, erklärte auf Telegram, in fünf Distrikten der Region seien Schäden gemeldet worden, berichtet Ukrinform. Im Distrikt Bucha und im Distrikt Obukhiv wurde demnach jeweils eine Energieanlage beschädigt, im Distrikt Boryspil eine Infrastruktureinrichtung. Im Distrikt Browary seien ein Verwaltungsgebäude, elf Fahrzeuge, ein Tankstellengebäude, ein Autohaus und zwei Fahrzeugservicezentren sowie Produktions- und Lagerhallen, zwei Unternehmen und zehn Privathäuser beschädigt worden. Im Distrikt Bila Zerkwa seien vier Privathäuser beschädigt worden, deren Fenster die Druckwelle zerstört habe. Einsatzkräfte arbeiteten weiter an den Orten, hieß es.
In der Gebietshauptstadt Tschernihiw nördlich von Kyjiw kam es ukrainischen Angaben zufolge zu einem vollständigen Stromausfall, meldet die „Welt“. Auch im zentralukrainischen Gebiet Schytomyr wurde nach Angaben des Gebietsgouverneurs und des russischen Verteidigungsministeriums Energieinfrastruktur beschädigt, berichtet France 24.
Die ukrainische Flugabwehr fing nach Angaben des Militärs in der Nacht vier ballistische Raketen sowie 149 von 172 russischen Kampfdrohnen ab, schreibt die „Welt“. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, es habe einen massiven Schlag gegen Ziele im militärisch-industriellen Sektor der Ukraine sowie gegen Energie- und Transportinfrastruktur in und um Kyjiw ausgeführt. Nach russischen Angaben wurden außerdem eine Fabrik für den ukrainischen Marschflugkörper Flamingo, das Kraftwerk Tripillja südlich von Kyjiw und ein Umspannwerk in der Region Schytomyr attackiert.
France 24-Korrespondentin Emmanuelle Chaze berichtet, die Menschen hätten „etwa zwei bis drei Stunden Strom pro Tag, keine Heizung und täglich einen Wasserausfall“. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Freitag vor neuen russischen Angriffen auf Energieanlagen und andere Infrastruktur gewarnt. Geheimdienstinformationen hätten auf bevorstehende Attacken „gegen den Energiesektor, gegen unsere Brücken über den Dnipro und gegen zivile Infrastruktur“ hingedeutet, sagte er laut „Welt“ und forderte erneut Abfangraketen für das Patriot-Luftabwehrsystem.
Die Ukraine griff ihrerseits Ziele in Russland an. Nach Angaben der russischen Gebietsverwaltung wurde die Ölraffinerie in Saratow an der Wolga attackiert; Videos in sozialen Netzwerken zeigten Brände auf dem Raffineriegelände, berichtet die „Welt“. Berichten zufolge wurde zudem eine Rüstungsfabrik in Orjol südwestlich von Moskau getroffen. Die Angriffe erfolgen wenige Tage vor neuen Gesprächen über ein mögliches Ende des Krieges: Für Dienstag und Mittwoch sind Dreiergespräche zwischen Vertretern Russlands, der Ukraine und der USA in Abu Dhabi geplant, an denen Vertreter der Europäischen Union nicht teilnehmen sollen.



