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UN-Bericht: 438 Ukrainer in russischer Gefangenschaft gestorben

Die UN-Sonderberichterstatterin Mariana Kacarova hat mindestens 438 Todesfälle ukrainischer Gefangener in Russland dokumentiert. Folter sei dort systematisch und Teil der staatlichen Politik, heißt es in ihrem Bericht.

UN-Bericht: 438 Ukrainer in russischer Gefangenschaft gestorben
Grafik: EuroPulse

Die UN-Sonderberichterstatterin Mariana Kacarova hat mindestens 438 Todesfälle ukrainischer Gefangener in Russland dokumentiert. Folter sei dort systematisch und Teil der staatlichen Politik, heißt es in ihrem Bericht.

Mindestens 438 Ukrainer sind in russischer Gefangenschaft gestorben – das geht aus einem Bericht der UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in Russland, Mariana Kacarova, hervor, den die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform am Dienstag, 3. November, veröffentlichte und über den das Nachrichtenportal Ukrajinska Prawda am Donnerstag berichtet. Kacarova stützt sich dabei auf Daten des ukrainischen Koordinierungsstabs für den Umgang mit Kriegsgefangenen. Folter und Misshandlung von Gefangenen seien in Russland systematisch und Teil der staatlichen Politik des Kreml, sagte Kacarova.

Der Bericht ist für die UN-Generalversammlung bestimmt. Kacarova hatte ihn nach Angaben von Ukrajinska Prawda zudem in einem Interview mit Ukrinform erläutert; der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez verbreitete die zentralen Befunde über seinen Telegram-Kanal und wird von der Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine zitiert.

Schläge, Stromstöße, sexualisierte Gewalt

Prügel, sexualisierte Gewalt und Stromstöße gehörten in russischen Gefängnissen zur üblichen Praxis, sagte Kacarova. Selbst medizinisches Personal in den Haftanstalten sei an den Misshandlungen beteiligt und helfe, Spuren der Folter zu verdecken. Die Täter blieben weitgehend straflos – „manchmal kann die Folter ukrainischer Häftlinge sogar ein Grund für eine Beförderung sein“, sagte sie Ukrinform. Die „Foltermaschine“ arbeite „mit voller Kraft“.

Ein zentraler Vorwurf des Berichts betrifft die Rechtspraxis: Russland erkenne gefangene ukrainische Soldaten nicht als Kombattanten an und stelle sie massenhaft wegen erfundener Terrorismusvorwürfe vor Gericht. Nach Kacarovas Angaben werden etwa 90 Prozent der Gefangenen, deren Verfahren an russische Gerichte gehen, wegen Terrorismus angeklagt – ein klarer Verstoß gegen die Genfer Konventionen. Kriegsgefangene dürften für ihre Teilnahme an Kampfhandlungen zur Verantwortung gezogen werden, nicht aber allein wegen des Kriegsdienstes als Terroristen gelten, betonte sie.

Zwischen September 2025 und August 2026 verurteilten russische Gerichte dem Bericht zufolge mindestens 585 Ukrainer in politisch motivierten Verfahren – 226 Zivilisten und 359 Militärangehörige. Genannt werden unter anderem der gefangene Kämpfer der Brigade „Asow“ Dmytro Selisar, der zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde, sowie sein Mitkämpfer Mykola Kusmenko, dessen Strafe auf 27 Jahre erhöht wurde.

169 Leichname in die Ukraine überführt – Obduktionen zeigen Folterspuren

Zwischen Mai 2025 und Mai 2026 seien die Leichname von 169 gefallenen Militärangehörigen und Zivilisten in die Ukraine zurückgebracht worden, heißt es in dem Bericht. Obduktionen hätten Spuren von Folter und unterlassener medizinischer Hilfe als unmittelbare Todesursachen ergeben.

Gesondert behandelt das Dokument den Tod der ukrainischen Journalistin Wiktorija Roschtschyna in russischer Gefangenschaft. Nach Angaben der ukrainischen Regierung waren Stand Juni 2026 insgesamt 1.877 Zivilisten in russischen Gefängnissen identifiziert. Seit Beginn der Invasion seien 9.446 Menschen aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, darunter nur 457 Zivilisten.

Kacarova schildert auch Einzelfälle von Frauen. So habe Natalia Vlasova vor einem Militärgericht in Rostow berichtet, eine Gruppe von 15 Angehörigen bewaffneter Formationen der selbst ernannten „DNR“ habe sie vergewaltigt, mit Strom gefoltert und ihr die Zähne mit einer Metallfeile abgesägt. Statt ein Verfahren einzuleiten, habe der Richter sie zu 18 Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt; sie sitze inzwischen in einer russischen Kolonie. „Ich habe eine Liste mit zwei Dutzend Frauen, aber in Wirklichkeit sind es viel mehr“, sagte Kacarova.

Welche Mechanismen die Verantwortlichen treffen könnten

Als Wege zur Verantwortung nannte Kacarova den Internationalen Strafgerichtshof und das Prinzip der universellen Jurisdiktion, das Staaten erlaubt, Verfahren gegen einzelne Täter internationaler Verbrechen zu eröffnen. Dafür brauche es Finanzierung, politischen Willen und Ressourcen. Sie erwarte nicht, dass die russischen Behörden diese Todesfälle aufklären.

Lubinez forderte, jedes Verbrechen gegen ukrainische Kriegsgefangene und Zivilisten zu dokumentieren. „Jeder Henker, jeder Organisator illegaler Verfolgung, jeder, der diese Verbrechen bewusst vertuscht, muss zur Verantwortung gezogen werden“, sagte er laut Interfax-Ukraine.

Der Bericht fällt in eine Zeit, in der die Kontrolle von Haftanstalten in Russland von außen weiter schwindet. Wie der Tagesspiegel unter Berufung auf die dpa und der österreichische Sender ORF am Montag, 2. November, berichteten, ist Russland offiziell aus der europäischen Anti-Folter-Konvention ausgetreten. Nach Angaben des Europarats endet damit die unabhängige Überwachung russischer Gefängnisse durch das Anti-Folter-Komitee in Straßburg. Zwischen 1998 und 2021 hatte das Gremium bei 30 Reisen 450 Internierungsorte besucht; Berichte über die Besuche veröffentlichte es nach Angaben der beiden Medien aber nur zu vier Besuchen, weil Russland als einziges Land dies nahezu nie erlaubte. Moskau begründete den Austritt damit, dass es nicht mehr im Komitee mitwirken könne.

Der Tagesspiegel verweist zudem auf Angaben des ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten, wonach Russland ukrainische Gefangene 695 unterschiedlichen Formen der Folter ausgesetzt habe, darunter körperliche und psychische Misshandlung sowie sexualisierte Gewalt; das Regierungsportal „united24media“ berichte darüber. Bereits im August 2024 hatte die UN-Monitoring-Mission für die Ukraine festgestellt, dass mehr als 95 Prozent der ukrainischen Kriegsgefangenen in russischen Gefängnissen gefoltert wurden. Im April 2025 fand eine internationale Recherche unter Beteiligung von Ukrajinska Prawda mindestens 29 russische Kolonien und Untersuchungsgefängnisse mit systematischer Folter an ukrainischen Gefangenen unter direkter Aufsicht des FSB. Im September 2025 veröffentlichte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte einen Bericht, wonach mehr als 90 Prozent der ukrainischen Zivilisten in Gefangenschaft gefoltert wurden und Dutzende in Isolationshaft ohne Hilfe starben.

Anmerkung der Redaktion: Der Bericht ist ein Dokument der Vereinten Nationen, die Zahl der 438 Todesfälle stammt aus ukrainischen Behördenangaben. Eine unabhängige Überprüfung durch russische Stellen ist nach Einschätzung Kacarovas nicht zu erwarten.

Quellen

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