Wenn der EZB-Rat am Donnerstag in Frankfurt zusammenkommt, wird kaum jemand mit einer Zinserhöhung rechnen. Fast alle befragten Ökonomen erwarten eine Pause beim Einlagensatz von 2,50 %. Spannend wird, was Christine Lagarde über den Dezember sagt – und wie sehr Frankreich die Debatte prägt.
Der Hintergrund: Die Inflation im Euroraum lag im September laut Eurostat-Schnellschätzung bei 3,8 % nach 3,2 % im August, dem höchsten Wert seit September 2023. Haupttreiber ist Energie mit einem Plus von 18,8 %. In Deutschland meldete das Statistische Bundesamt am 13. Oktober 3,3 %; die Kernrate ohne Energie und Nahrungsmittel lag bei 2,4 %. Die Energiepreise stiegen gegenüber dem Vorjahr um 14,9 %, Heizöl um 74,9 %, Kraftstoffe um 37,1 %. Nahrungsmittel verteuerten sich mit 0,4 % kaum.
Zwei Probleme, ein Zinssatz
Die EZB hatte den Einlagensatz im September um 0,25 Punkte auf 2,50 % angehoben. Nach einer Reuters-Umfrage unter 73 Volkswirten erwarten rund 90 % im Dezember einen weiteren Schritt auf 2,75 %; 58 % halten das für den Gipfel, mehr als ein Drittel rechnet mit bis zu 3,00 %.
Warum dann die Pause? Wegen Frankreich. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen stieg am 21. und 22. Oktober erstmals seit 2002 über 5 % (zeitweise 5,14 %). Der Aufschlag auf Bundesanleihen betrug rund 170 bis 178 Basispunkte, so viel wie seit November 2011 nicht mehr. Moody’s bestätigte am 23. Oktober das Rating Aa3, senkte aber den Ausblick auf negativ. Paris meldet für 2026 ein Defizit von 5,4 % und eine Schuldenquote von rund 119 % des BIP.
Höhere Leitzinsen verteuern Frankreichs Schulden zusätzlich; zugleich lässt der Energiepreisschub keine Entwarnung zu. Marco Valli, Chefvolkswirt bei UniCredit, spricht von einem „schmalen Grat zwischen Risiken für die Inflation und die Staatsfinanzen“. Lagarde sieht die „primary and first solution“ in der französischen Fiskalpolitik, wie sie laut Euronews sagte. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski meint: „The bond market has taken over the ECB’s job.“
Wer die Rechnung zahlt
Dass Inflation nicht alle gleich trifft, zeigt eine Studie des ifo Instituts vom 10. August (CESifo Working Paper 12853, Christl, Peichl, Wibault). Der Nahost-Preisschock kostet die Haushalte danach zusätzlich rund 16,8 Milliarden Euro im Konsum. Im Schnitt sinkt das verfügbare Einkommen um 1,15 %; im untersten Zehntel um 2,87 %, im obersten um 0,65 %. Rechnerisch ist die Last für die Ärmsten also rund 4,4-mal so hoch. Rentnerpaare verlieren 1,53 %, alleinlebende Senioren 1,45 % – sie haben keinen Lohn, der nachzieht, und geben einen überdurchschnittlichen Anteil für Heizung und Energie aus.
Andreas Peichl nennt als Grund, dass es „keinen europäischen Preisdeckel gibt wie in der Energiekrise 2022“. Die Autoren betonen, ihre Werte seien eine Obergrenze, weil Haushalte bei hohen Preisen ihren Verbrauch anpassen. Die Zahlen stammen aus der Zeit vor den September-Daten; die Richtung dürfte sich mit +74,9 % bei Heizöl eher verstärkt haben.
Wer in einer Wohnung mit Ölheizung lebt oder mit dem Auto pendelt, spürt das sofort; wer zur Miete wohnt, bekommt die Rechnung oft erst mit der Nebenkostenabrechnung. Das ist unsere Einordnung, keine Messung.
Unsere Einschätzung: Am Donnerstag ist eine Pause sehr wahrscheinlich; ob die Dezember-Erhöhung kommt, hängt weniger von der deutschen Teuerung ab als davon, ob die französischen Renditen bis dahin zur Ruhe kommen. Ein Selbstläufer ist sie nicht.
Quellen: Statistisches Bundesamt, ifo Institut, Handelsblatt, cash-online (Reuters-Umfrage), FTD



